Archiv der Kategorie 'Militarismus'

Über ein Stück Blech mit Geschichte

Nicht das Bild einer nackten Frau, die ihre Schamhaare entblösst, ist obszön,
sondern das eines Generals im, der seine im Agressionskrieg verdienten Orden zur Schau stellt.

Herbert Marcuse

Die Medien berichteten vor kurzem von der Idee von einigen Politikern, eine Auszeichnung wieder einzuführen, die dem „Eisenen Kreuz“ ähneln soll. Vor einiger Zeit gab es schon eine vergleichbare Initiative von der Basis her. Ein Fähnrich hatte damals eine Petition gestartet mit dem Ziel das „Eiserne Kreuz“ wieder einzuführen (BraunzoneBw berichtete!).
Zur Erinnerung: Das „Eiserne Kreuz“ war in allen deutschen Staatsformen vor 1945 in Gebrauch, um junge Menschen dafür zu mobilisieren für Volk und Vaterland in die Schlacht zu ziehen. Von den blutigen Schlachtfeldern Verduns bis hin an den Wolgastrand bei Stalingrad im Zuge eines erbarmbungslosen Vernichtungsfeldzuges. Eine Auszeichnung an der also viel Blut klebt.
Allerdings waren damals nicht genug Unterschriften zusammen gekommen, damit sich der Bundestag
Ob die derzeitige Diskussion, diesmal aber von oben geführt, eine verspätete Nachwirkung dieser Basis-Initiative ist, ist nicht ersichtlich.
Bei der Diskussion um die Wiedereinführung einer solchen Auszeichnung wird aber gerne vergessen, dass das „Eiserne Kreuz“ schon seit Anfang an in der Bundeswehr existiert. Und zwar in abgewandelter Form als Zeichen der Bundeswehr. Überhaupt gibt es in der Bundeswehr eine reichlich unkritische Nähe zu diesem Orden, wie folgende Zitate beweisen:

Das Eiserne Kreuz hat einen festen Platz in der deutschen Geschichte. Zunächst als Tapferkeitsauszeichnung gedacht, entwickelte es sich bald zum Staatssymbol. Seit 1956 ist es das Hoheitszeichen der Bundeswehr.
[…]
„Die dritte Stiftung erfolgte zu Beginn des Ersten Weltkrieges am 5. August 1914 durch Kaiser Wilhelm II. Von den rund 13 Millionen Kriegsteilnehmern erhielt fast jeder Dritte eines der Eisernen Kreuze am schwarzen und weißen Bande verliehen.“
[…]
Im Zweiten Weltkrieg wurden noch weitere Stufen des Eisernen Kreuzes eingeführt. Die Testpilotin Hanna Reitsch bekam 1942 als einzige Frau das Eiserne Kreuz verliehen. Zum Balkenkreuz verändert, prangte es zudem auf den Panzern und Flugzeugen der Wehrmacht.
Von den Offizieren des 20. Juli 1944 waren 13 Inhaber des Ritterkreuzes des Eisernen Kreuzes. 711 Ritterkreuzträger dienten später in der Bundeswehr, von den 114 einen Generalsrang erreichten. Insgesamt wurde das Eiserne Kreuz etwa 2,3 Millionen mal während des Krieges verliehen.

Quelle: Das Eiserne Kreuz, Berlin, 30.03.2004, http://tinyurl.com/2deqhv

Das Eiserne Kreuz bleibt auch weiterhin das Symbol des deutschen militärischen Selbstverständnisses. Das Eiserne Kreuz bringt aber nicht mehr Schrecken, sondern Hoffnung, und das genießt heute weltweite Anerkennung.

Quelle: 11.10.2005 Rede des Generalinspekteurs der Bundeswehr General Wolfgang Schneiderhan
Rede des Generalinspekteurs der Bundeswehr General Wolfgang Schneiderhan im Rahmen der 18. Informationstagung für pensionierte Generale, Admirale und Sanitätsoffiziere im Generalsrang am 11. Oktober 2005 in Bonn, http://tinyurl.com/ytsnz4

Quellen:
„Eisernes Kreuz“ als Nazi-Symbol, http://www.buendnis-toleranz.de/nn_580448/DE/Grundlageninformationen/NaziCodes/Nazi-Codes,lv2=580460,lv3=599602,templateId=renderPrint.html

Stefan Schulte und Nadine Michel: Ex-Generäle befürworten Eisernes Kreuz, Spiegel-Online, 06. März 2008, http://www.spiegel.de/politik/debatte/0,1518,539842,00.html

Neu Krieger“denk“mäler braucht das Land?

Eigentlich müsste es doch genug davon geben. Von den steinernen Kuben, die landauf landab in jedem Dorf zu finden sind. Darauf sind die Gefallenen oder schlimmer noch: die „Helden“ verzeichnet, die 1871 bis 1945 in den jeweiligen deutschen Kriegen starben. Seltsamerweise hat sich als Begriff für diese Steinungetüme das Wort „Denkmal“ eingebürgert. In Wahrheit haben die meisten dieser „Denkmäler“ aber recht wenig mit Denken zu tun und sollten daher ehrlicherweise auch „Ehrenmäler“ genannt werden. Denn das sind sie vollkommen unkritische „Ehrenmäler“. Es ist fraglich, ob man den Toten tatsächlich einen Gefallen tut, indem man ihren Taten versucht posthum einen Sinn anzudichten. Statt „starben für ihr Vaterland“ oder „erlagen dem Heldentod“, wäre „starben für im Angriffskrieg“ oder „verbluteten sinnlos für Kaiser und Vaterland“ wohl ehrlicher. Gefragt oder gar draufgeschrieben ist nie das Wo, Was, Wie oder Warum. Wo starben die „Helden“? Was taten Sie dort? Wie taten sie es? Und vor allem: Warum?
Vielleicht wären dann kommende Generationen nicht mehr so gierig danach auf dem Schlachtfeld zu sterben, wenn sie um den leeren Pathos wüssten.
Leider scheint es anscheinend noch nicht genug von diesen kontextlosen Ehrenmälern.
So berichtet ein Artikel in den „Potsdamer Neuesten Nachrichten“, dass neue dieser Soldaten-Ehrenmäler entstanden seien, z.B. in Guben oder Lieskau.
Spannend wäre es einmal zu erfahren, wer die neuen militaristischen Monumente eigentlich bezahlt.

Quelle: Thorsten Metzner: „Skandalöse“ neue Kriegerdenkmale. Generalstaatsanwalt Erardo Rautenberg kritisiert Kommunen und warnt vor Rechtsextremen, Potsdamer Neueste nachrichten, 15.2. 2008, http://www.pnn.de/Pubs/nachrichten/pageviewer.asp?TextID=15930

Namensgeber für Schule mit Vergangenheit in der NS-Rüstungsindustrie

Es sind die Sklaverei, die unerhörte Summe an Elend, Leid und Tod des Lagers Dora im Dienst der Herstellung von Fernwaffen, die Hitler nicht den Sieg gebracht, später aber die Eroberung des Weltraums ermöglicht haben, nachdem Russen und Amerikaner ohne eine Spur von Scham die Wissenschaftler des Reiches in ihre Dienste gestellt hatten.

Jean Michel, Dora, Paris 1975
(Nach: Eifeld, Seite 277)

Nicht nur Kasernen erhalten Namen von Personen mit brauner (Militär-)Geschichte, auch bei Schulen findet sich so manch seltsamer Namenspatron. Eigentlich aber sind die Zeiten in denen Schulen z.B. nach der NS-gläubigen Dichterin Agnes Miegel benannt werden vorbei. Zwar existieren noch z.B. Straßen, die nach ihr benannt wurden bis heute, aber die Benennung ist schon älteren Datums. Doch kann dergleichen auch heute noch geschehen. Auf eine mehr als zweifelhafte Neu-Benennung mach der Autor Lars Gaede in der Tageszeitung „taz“ aufmerksam.
Screenshot_Klaus-Riedel-Schule
Eine Mittelschule in Bernstadt auf dem Eigen (Ost-Sachsen) wurde im September 2007 nach einem Entwickler der Nazi-Rakete V2 benannt, der selbst ein Sohn der Stadt ist und dieses Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Doch Klaus Riedel ist nicht irgendein Raketenforscher. Er entwickelte die „Wunderwaffe“ der Nazis, die V2-Rakete, mit. Schätzungweise sollen bei der Produktion bis zu 20.000 Zwangsarbeiter umgekommen sein, z.B. bei der Sklavenarbeit um die unterirdischen Produktionsstätten in den Fels zu treiben. Die Häftlinge kamen aus den Konzentrationslagern Dachau (Zeppelin), Mauthausen (Rax), Sachsenhausen (DEMAG) und Buchenwald (Heeresversuchanstalt Peenemünde), bzw. dem Unterlager Dora-Mittelbau (siehe Zitat oben).
Weitere 12.000 Menschen starben bei den Raketenangriffen z.B. auf Großbritannien. Zum Glück stellte sich die „Wunderwaffe“ als sehr verwundbar heraus, so dass nur eine Minderheit ihr Ziel erreichte.
Riedel selbst starb 1944 bei einem Autounfall und konnte sich im Gegensatz zu seinen Kollegen daher nicht als Experte von den Alliierten anwerben lassen. Die frühen Raketenprogramme der NASA gehen z.B. auf berühmte NS-Experten zurück. Der berühmteste davon ist wohl Wernher von Braun. Auch dieser ist Namenspatron, nämlich
Bis jetzt ist die Kritik an der Neubenennung der Schule eher eine Minderheitenposition eines Gymnasium im bayerischen Friedberg und einer weiteren Schule im hessischen Neuhof.
Laut dem taz-Artikel stellte sich der Bürgermeister von Bernstadt auf dem Eigen hinter die Benennung. Laut einem Spiegel-Artikel ließ der Ort Riedel bereits 1993 ein Denkmal bauen.

Verwendete Literatur
Lars Gaede: Schule nach Nazi-Raketen-Erfinder benannt. Waffenschmied als Vorbild, in: taz, 04.02.2008, http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/waffenschmied-als-vorbild-fuer-schueler/?src=SZ&cHash=0f520cf3f1

Rainer Eisfeld: >Fortschritt< durch Vernichtung Raketenpioniere und KZ-Häftlinge im NS-Staat, in: Yves Beon: Planet Dora, Gerlingen 1999, Seite 276-298

Klaus Riedel – nur ein „Raketenpionier“?, Linksammlung der Grünen-Politikerin Astrid Günther Schmidt, http://www.astrid-guenther-schmidt.de/kontrovers.html/p2_articleid/181

Alexandra Sillgitt und Jochen Leffers: Raketenbauer der Nazis ist Namenspate einer Schule, Spiegel-Online, 05. Februar 2008, http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/0,1518,533072,00.html

Homepage der Schule