Archiv für Januar 2010

Das Prinzip Stahlgestalten – am Beispiel Werner Mölders

Das Verhältnis der Bundeswehr zu ihrer deutschen Vorgängerarmee, der Wehrmacht hat sich über die Jahrzehnte unzweifelhaft gewandelt. Eine offene Bezugnahme war über Jahrzehnte völlig normal und geradezu selbstverständlich. Bei der Gründung der Bundeswehr existierte sogar die Idee diese neu-alte Armee wieder auf den Namen „Wehrmacht“ zu taufen, was aber politisches Kalkül (Westbindung, …) und möglicherweise auch Bauchschmerzen verhinderten. Doch gerade im Offizierskorps stellten Wehrmachts-Gediente die Mehrheit und Bundeswehr-Einheiten übernahmen ganz selbstverständlich Patenschaften über alte Veteranen-Verbände, also Wehrmachts-Einheiten.
Mit der Zeit starben die ehemaligen Wehrmachts-Angehörigen in der Bundeswehr und parallel dazu setzte in der Gesellschaft eine Diskussion ein, die sich auf jahrzehntealte Forschungsergebnisse über die Verbrechen der Wehrmacht stützte und besonders um die so genannte „Wehrmachts-Ausstellung“ richtig ausbrach.
Eine zu offene Bezugnahme auf die Wehrmacht schien nicht mehr opportun. Trotzdem blieb eine Orientierung an der Wehrmacht bestehen. Hinter den Kasernenmauern werden weiter Wehrmachts-Feiertage gefeiert, statt wie früher offiziell nun aber inoffiziell. Viele Offiziere von heute, die meist von alten Wehrmachts-Offizieren in der Bundeswehr ausgebildet wurden, sehen in der Wehrmacht durchaus ein Vorbild, sagen das aber – anders als früher – lieber nicht zu offen. Oder aber sie sagen dergleichen erst nach ihrer Pensionierung. Es ist auffällig, dass eine Reihe von Offizieren nach ihrem aktiven Dienst sich anfängt politisch rechts zu betätigen und in Wehrmachts-Apologie zu üben. Diese Einstellung dürfte nicht erst mit Dienstende gekommen sein, sondern schon früher vorhanden gewesen sein. Bei der Bundeswehr von heute, sollte also nicht nur auf die Oberfläche, sondern auch tiefer geschaut werden.
Doch der Fisch stinkt nicht nur vom Schwanze her. Parallel zu rechten Tendenzen und Wehrmachts-Apologie unter Offizieren und Berufssoldaten, finden sich in den Kasernen unter den Wehrpflichtigen rechtslastige Tendenzen. Hier dürfte sich auch der erhöhte Anteil ostdeutscher, junger Männer mit eher geringer Bildung auswirken.

Im Folgenden mit dem Prinzip „Stahlgestalt“ an Hand des Beispiels Mölders erläutert werden, wie eine positive Bezugnahme auf die Wehrmacht in der Bundeswehr und ihrem Umfeld heutzutage aussieht.

Das Prinzip „Stahlgestalt“
Eine zu offene Bezugnahme auf die Wehrmacht ist derzeit wie bereits erläutert eher tabu. Eine relative Ausnahme bilden die so genannten „Stahlgestalten“. Mit „Stahlgestalten“ sind Wehrmachts-Angehörige gemeint die sich durch besondere „Leistungen“ im Krieg auszeichneten. Piloten mit einer hohen Abschusszahl, Artilleristen die viele Panzer abschossen und ähnliche „Heldentaten“. In Bezug auf den Zweiten Weltkrieg werden damit besondere Leistungen einzelner Mitglieder der als „apolitische“ und „effizient“ konstruierten Wehrmacht hervorgehoben. Deren Erbringer werden gerne verharmlosend „Stahlgestalten“ genannt. Diese „Stahlgestalten“ gibt es auf niedriger Ebene (Mölders, Novotny, Rudel), aber auch auf höherer Ebene (Rommel).
Das Prinzip ist dabei, dass völlig unkritisch auf diese „Leistungs-“Träger positiv Bezug genommen wird. Dabei wird der Hintergrund stark ausgeblendet, nämlich das diese außerordentlichen „Leistungen“ im Rahmen eines verbrecherischen Angriff-Krieges vollbracht wurden, der im Osten als Rasse- und Vernichtungskrieg geführt wurde. Jede dieser „Leistungen“ half dabei den Krieg und das Leiden der Nazi-Opfer zu verlängern. Oft stimmt es auch gar nicht, dass diese Helden persönlich wirklich unbefleckt sind, was Kriegsverbrechen angeht. Selbst der als „genialer Feldherr“ bis heute von vielen angehimmelte Rommel muss sich einige in seinem Befehlsbereich geschehene Kriegsverbrechen zuschreiben lassen.
Dieses von Kritikern als „sezierende Ansatz“ bezeichnetes Vorgehen wird von einer Funktionalisten-Fraktion in der Bundeswehr verwendet.

Wer war Mölders?
Oberst Werner Mölders trat freiwillig in die berüchtigte deutsche Freiwilligen- und Unterstützer-Einheit Legion Condor ein, die auf Seiten des späteren Diktators Franco kämpfte und an Kriegsverbrechen (u.a. Bombardierung von Guernica) beteiligt war.

Auf Grund seiner „guten“ Leistungen im Krieg wurde Mölders von den NS-Herrschern mit dem Ritterkreuz-Orden ausgezeichnet und zum Fliegerheld aufgebaut. Wie die Bilder unten zeigen hat Mölders anscheinend kein Problem mit dieser Rolle gehabt.

Mölders mit Eichenlaub

Mölders nach 32. Luftsieg

Mölders mit Hitler

Mölders Ritterkreuzfeier

Der Mölders-Kult und seine Apologeten und Fans
Als am 28. Januar 2005 die Werner-Mölders-Kaserne in Visselhövede und das gleichnamige Jagdgeschwader 74 in Neuburg an der Donau durch Anordnung des Verteidigungsministers Struck umbenannt werden, erhebt sich starker Protest (vgl. Banholzer). Die Mölders-Kaserne in Visselhövede wurde gegen den zähen Widerstand rechter und strukturkonservativer Militärs und Politiker vor Ort umbenannt. Nach einem RBB-Bericht von 2007 stritt beispielsweise der damalige Staatsekretär Christian Schmidt (CSU), damals einer der Stellvertreter des Bundesverteidigungsministers für die Rehabilitierung des Fliegers.

Der Protest äußert sich auch darin, dass im März 2005 116 Soldaten aller Dienstgrade in der konservativen FAZ eine ganzseitige „Todesanzeige für Mölders“ schalten. Als Organisation der Mölders-Anhänger bildet sich eine Mölders-Vereinigung mit dem Vorsitzenden Helmut Ruppert (Oberst a. D. und Ex-Kommodore). Diese Vereinigung hat sich die Rehabilitierung von Oberst Werner Mölders zum Ziel gesetzt.

Ebenfalls an der Pro-Mölders-Front kämpft General a. D. Dr. Hermann Hagena (* 1931), der (ehemalige?) stellvertretende Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg-Blankenese. Hagena schreibt gelegentlich für die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ und verfasste für das unkritische Magazin „Militär&Geschichte“ einen ausführlichen Lob-Artikel auf Mölders. Hagena war Pilot im Jagdgeschwader 74, eben der Einheit die von 1973 bis 2005 Mölders als Namenspate hatte. Das Mitglied diverser Militaristen-Gruppen (Clausewitz-Gesellschaft, „Arbeitskreis Militär- und Sozialwissenschaften“, „Dresdner Studiengemeinschaft für Sicherheitspolitik“, „Gemeinschaft der Flieger Deutscher Streitkräfte“) veröffentlichte zudem im Helios-Verlag des früheren NPD-Fuktionärs Karl-Heinz Prohuber ein Buch über Mölders.

Ein weiterer Mölders-Apologet ist der Bestseller-Autor Frederick Forsyth aus Großbritannien, Verfasser von bekannten Büchern wie „Der Schakal“ und „Hunde des Krieges“. Forsyth war 1956-58 RAF-Pilot und soll Anteilseigner an Söldnerfirmen sein (vgl. Uesseler). Er verteidigte den Wehrmachtsflieger“helden“ Werner Mölders in einem Interview mit der extrem rechten „Deutschen Militär-Zeitschrift“.

Allen Mölders-Apologeten ist in ihrer Verteidigung gemeinsam, dass sie Mölders als unpolitisch zu konstruieren versuchen und in seinen „Leistungen“ etwas per se Positives sehen. Dafür blenden sie den Kontext („Drittes Reich“) konsequent aus.

Übrigens: Möldersstraßen gibt es bis heute noch.
Mölders-Straßen

Quellen:
* Michael Banholzer: Skandal-Kalender, in: Die Linke im Bundestag: Schwarzbuch zur Sicherheits- und Militärpolitik Deutschlands, Berlin 2007, Seite 77-79
* Rolf Uesseler: Krieg als Dienstleistung, Berlin, Seite 80
* Michael Berger: An der Möldersstraße rechts abbiegen, in: Jungle World Nr. 23, 4. Juni 2009, http://jungle-world.com/artikel/2009/23/35213.html
* Alexander Kobylinski und Caroline Walter: Merkwürdige Traditionspflege: Nazi-Held als Vorbild für die Bundeswehr, RBB-Sendung vom 07. Juni 2007, http://www.rbb-online.de/_/kontraste/beitrag_jsp/key=rbb_beitrag_5983349.html

Bei Reservistenkameradschaft aktiv trotz tiefbrauner Verstrickung

Die Frankfurter Rundschau wies in einem Artikel auf mehrere Fälle hin bei denen sich Neonazis oder zumindest Männer mit einer solchen Vergangenheit weitgehend ungestört in Reservistenkreisen bewegen.

Wolfram M.
M. ist Chef der Reservisten-Kameradschaft in Großropperhausen, einem Ortsteil von Frielendorf im Schwalm-Eder-Kreis. Der heute 52-Jährige war von 1983 bis 1991 Vize-Vorsitzender der neonazistischen „Hilfsgemeinschaft für nationale Gefangene“ (HNG). Im Jahr 1980 hatte er selbst mit einem 20-köpfigen Schlägertrupp aus dem Umfeld der militanten „Volkssozialistischen Bewegung Deutschland“ in einer Frankfurter Fußgängerzone Passanten angegriffen.
Die zuständigen bei dem Reservistenverband hatten nach einer Prüfung verlauten lassen, dass es keinerlei Hinweise auf eine aktuelle extrem rechte Gesinnung gäbe. Seltsamerweise hatte Wolfram M. versucht in der Ausgabe Mai 1998 des neofaschistischen Monatsmagazins „Nation und Europa“ über eine Anzeige versucht ausgediente Bundeswehr- und Bundesgrenzschutzfahrzeuge zu verkaufen. Und in diesem Jahr „pöbelte er via Leserbrief in der örtlichen Presse gegen den Besuch von US-Präsident Barack Obama in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald“, berichtet die „Frankfurter Rundschau“.

Rainer V.
Der Postbeamte V. wurde im August 2007 von der Kameradschaft Frielendorf für seine 20-jährige Mitgliedschaft im Reservistenverband geehrt. Rainer V. ist aber nicht nur bei Reservisten, sondern auch in der extremen Rechten aktiv. Laut „Frankfurter Rundschau“ führte ihn seine „Karriere am rechten Rand, von NPD über „Republikaner“ und das rechtsextreme „Bürgerbündnis Pro Schwalm-Eder“ bis zur Splitterpartei „Ab jetzt … Bündnis für Deutschland“, für die der 57-Jährige bei der Landtagswahl 2008 antrat.“

Martin B.
Der 33jährige Martin B. nahm im September in Frielendorf an einer Reservistenübung teil. Laut „Frankfurter Rundschau“ handelt es sich bei B. um einen „polizeibekannten“ Neonazi.

Natürlich sind diese drei Fälle angesichts tausender Reservisten nur eine kleine Minderheit. Jedoch sind es nur Beispiele, eine empirische Untersuchung zu extremen Rechten und rechten Tendenzen existiert nach dem Wissen vom AK Braunzone Bundeswehr bisher noch nicht. Besonders erschreckend ist die fehlende Reaktion auf die Mitgliedschaft von Personen mit extrem rechten Hintergrund. Vielmehr werden diese auf Grund persönlicher Sympathien verteidigt. Dabei wird in den Reservisten-Verbänden der Waffengebrauch geübt. Jeder Rechte der daran teilnehmen kann, ist einer zuviel. Wer kann garantieren, dass solche Personen ihr erworbenes Wissen nicht gemäß ihrer (Hass-)Ideologie einsetzen?

Quelle:
* Joachim F. Tornau und Carsten Meyer: Neonazis bei der Bundeswehr. Braune Flecken auf der Uniform, http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/hessen/2147863_Neonazis-bei-der-Bundeswehr-Braune-Flecken-auf-der-Uniform.html