Was wollten die Männer vom 20. Juli 1944?

Die Bundeswehr und die Politiker beziehen sich heute gerne auf das Attentat vom 20. Juli 1944. Nur selten wird dabei gefragt, was die Attentäter eigentlich anstreben und wo ihre Motive lagen. Von diesen Ziele und Motiven wird in der Presse und den vielen Ansprachen nur selten berichtet. Es mag daher zuerst erstaunen, wenn sich eine geplante öffentliche Ansprache der Stauffenberg-Verschwörer an „Soldaten und Nationalsozialisten“ richtete.
Der Historiker Hans Mommsen hat sich in seinem Buch „Alternative zu Hitler“ (München, 2000) mit den Motiven, Anschauungen und Zielen der Attentäter beschäftigt. Mit „Attentäter“ sind im Folgenden nicht nur die Ausführenden des konkreten Attentats gemeint, sondern der gesamte Kreis der Eingeweihten.

Heterogenität und Motive
Die politische und soziologische Bandbreite der Attentäter war immens. Deswegen sind generelle Aussagen schwierig, es lassen sich jedoch durchaus Tendenzen konstatieren. Von fortschrittlich bis zutiefst reaktionär. Von den europäisch gesinnten Adeligen Moltke und Yorck bis zum „roten Grafen“ Schulenburg, der mit dem national„revolutionären“ Nationalsozialisten Strasser sympathisierte.
Soziologisch gesehen stammten die meisten Attentäter aus der Oberschicht und waren (ehemalige) Staatsdiener. Die Arbeiterschicht hatte im Kreis der Attentäter keine eigene Stimme. Die wenigen Sozialdemokraten im Kreis kamen vom rechten SPD-Flügel und stammten aus dem Bürgertum.
Einig waren sich die Attentäter lediglich in ihrer Opposition gegen Hitler und ihrer Ablehnung des Kommunismus. Ihre Motive zum Widerstand waren auch teilweise antikommunistischer Natur. So seltsam es klingt, sie hatten die Angst vor der Entwicklung Hitlers zum „braunen Bolschewisten“ und ebenso vor einer Revolution wie 1918 infolge einer Kriegsbelastung.
Ebenfalls ein Motiv zum Widerstand war die Beschmutzung der Ehre der deutschen Armee durch deren Verstrickung in Holocaust und Kriegsverbrechen. Allerdings mutet es seltsam an, dass der beschmutzte „Ehrenschild“ der Wehrmacht das Problem war und nicht die Massaker an hunderttausenden Zivilisten an sich.

Antisemitismus und Kriegsverbrechen
Die nationalkonservativen Kreise, aus denen die Attentäter stammten waren nicht selten antisemitisch. Die Attentäter anscheinend auch. Besonders gegen die nach 1918 in Deutschland eingewanderten osteuropäischen Juden richtete sich der Antisemitismus.
Nicht wenige gingen von der Existenz einer „Judenfrage“ aus, die es zu lösen gelte. Zwar lehnten sie Gewalt gegen Juden zumeist ab, aber die Pläne der Attentäter sahen teilweise eine Ausbürgerung von Juden vor.

Unter den Attentäter befanden sich auch Kriegsverbrecher und NS-Täter wie Arthur Nebe, Chef einer Einsatzgruppe, die zehntausende Juden ermordete. Oder wie von Stülpnagel, der Militärbefehlshaber in Frankreich, lässt am 14.08.1941 verlautbaren: Wer sich kommunistisch betätigt oder kommunistische Aktivitäten unterstützt, muß mit der Todesstrafe rechnen. Unter von Stülpnagels Verantwortung werden als Vergeltungsmaßnahme für Attentate hunderte Geiseln ermordet. Insgesamt starben in Frankreich während der Nazi-Besatzung 100.000 französische Zivilisten, davon 30.000 durch Maßnahmen zur so genannten „Partisanenbekämpfung“, wie die erwähnten Geiselmorde. Außerdem soll von Stülpnagel das antisemitische Pogrom in Lemberg begünstigt haben.

Die Bevölkerung ist ein unglaublicher Pöbel, sehr viele Juden und sehr viel Mischvolk. Ein Volk, welches sich nur unter der Knute wohl fühlt. Die Tausenden von Gefangenen werden unserer Landwirtschaft recht gut tun.

Brief Stauffenbergs n seine Frau aus dem Jahr 1939

Ausdrücklich ausgenommen werden muss an dieser Stelle Yorck, dessen Warnung vor einer Razzia gegen Juden in Dänemark u.a. dazu beitrug, dass sich die meisten von ihnen retten konnten.

Kriegs-Beteiligung
Die Attentäter stellten eine nationalkonservative Fraktion im Militär dar. Diese Fraktion hat sich trotz Distanz und Kritik an der NS-Führung durchaus an der Planung und Ausführung bei den Überfällen auf und der Okkupation von Deutschlands Nachbarländern beteiligt. Auch am „Rasse- und Vernichtungskrieg“ waren sie beteiligt. Mommsen spricht in diesem Zusammenhang von einer „loyalen Mitarbeit der Militärs in Fragen der unmittelbaren Kriegsführung“.
In Verbindung mit der Kriegs-Beteiligung ist bei vielen der Attentäter aus der Militär-Opposition auch das Motiv zu suchen. Der Krieg war verloren, nun galt es zu retten was zu retten ist. Einige spielten auch mit dem Gedanken eines Separatfriedens im Westen bei Weiterführung des Krieges im Osten.

Ziele
Mommsen zeichnet nach, dass die Zukunftsentwürfe der Attentäter sich mit der Zeit änderten. Anfangs war noch ein Regierungswechsel mit Reformen („kalter Staatsstreich“) geplant, bei dem die „Errungenschaften“ des Nationalsozialismus beibehalten werden sollte, inklusive ideologische Anleihen. Beispielsweise sollte die nationalsozialistische Einheits„gewerkschaft“ „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) mit Zwangsmitgliedschaft sollte als „Deutsche Gewerkschaft“ fortbestehen.
Schließlich wandelten sich die Planungen aber von der Palastrevolte zum Umsturz. Ihre Zielvorstellung des Post-Hitler-Deutschlands (Mommsen: „konservative Gegenutopien“) trugen teilweise faschistische Züge, waren aber auf jeden Fall autoritär und antiliberal. Eine Rückkehr zur parlamentarischen Demokratie war nicht geplant. Sie waren ja schon vor 1933 häufig Gegner der Weimarer Demokratie und Republik, die sie als „Massendemokratie“ und „Parteienstaat“ bezeichneten. Hier ist ein elitär-aristokratisches Verständnis der Attentäter zu entdecken.
Eine Teilfraktion orientierte sich am Vorbild Horthy-Ungarn, einer faschistisch-autoritären Ersatz-Monarchie.

Viele Attentäter waren für die Beibehaltung von Hitlers Expansionsgewinnen bis hin zum 1940 annektierten Elsass-Lothringen.

Fazit
Warum sich die Bundesrepublik auf die Attentäter ausschließlich positiv bezieht ist nicht wirklich erkennbar, wollten die Attentäter doch keine parlamentarische Demokratie einführen. Auch für die Bundeswehr sind sie schlecht geeignet. Mit diesem Vorbild kann man jahrelang in einer Diktatur mitarbeiten und sich an Kriegen beteiligen.
JF-Titelblatt Stauffenberg
Die ultrarechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ hat die antiegalitären und stellenweise antidemokratischen Vorstellungen der Attentäter richtig erkannt und bezieht sich daher mit voller Überzeugung auf diese Gruppe. Das sollte zu denken geben!