Archiv für Juli 2009

Ritterkreuzträger sagt Nazis ab

Das interne Koordinierungstreffen der niedersächsischen Neonaziszene, der „Stammtisch Nationaler Kräfte“ in Hannover wollte einem Artikel von „Recherche Nord“ zufolge einen Ritterkreuzträger auftreten lassen. Der angekündigte Referent, Günter Halm aus dem Bad Münder, wurde aber bis zuletzt über die politischen Hintergründe im Unklaren gelassen. Halm mochte nachdem er dann doch von diesen Hintergründen erfuhr sich für die geplante Propagandashow nicht missbrauchen lassen: „Da möchte man mich für mehr als fragwürdige Zwecke missbrauchen“. Halm selbst teilt den in der Nazi-Szene üblichen Bellizismus (Kriegsbegeisterung) nicht: „Krieg ist für die Betroffenen schrecklich.“

Quelle:
* Recherche Nord: Braune Rattenfängerei nach Innen und Außen in Hannover, 25.06.2009
Hannover, http://www.recherche-nord.com/cms/index.php?option=com_content&task=view&id=309&Itemid=207

Italien: Erneut SS-Mitglieder in Abwesenheit verurteilt

In Italien wurden neun ehemalige SS-Mitglieder wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt worden – allerdings in Abwesenheit der Angeklagten. Ein weiterer Angeklagter wurde freigesprochen, einer verstarb während des Prozesses. Zudem setzte das Gericht Entschädigungszahlungen in Höhe von 1,25 Millionen Euro fest, die die Bundesrepublik den betroffenen Gemeinden und den rund 50 Hinterbliebenen leisten soll.
Ein Militärgericht in Rom befand sie für schuldig 1944 in Toskana-Dörfern an der Ermordung von mehr als 350 Zivilisten beteiligt gewesen zu sein. Die Täter hatte ihre Opfer zum Teil an Bäume und Zaunpfähle gefesselt, erschossen und sie mit einem Schild um den Hals zurückgelassen, auf dem zu lesen war: „Dies geschieht mit allen, die Partisanen helfen.“
Die neun Verurteilten sind mittlerweile zwischen 84 und 90 Jahre alt sind und in Deutschland sicher, da dieses keine Staatsbürger ausliefert.
Das Verfahren stammt aus einer Reihe ähnlicher Verfahren, die 1994 nach dem Fund einer Akte mit 695 ungeklärten Nazi-Verbrechen eröffnet wurde.

Quelle:
* Rts: Massaker an hunderten Zivilisten. Ehemalige SS-Männer verurteilt Samstag, 27.06.09,
http://www.n-tv.de/politik/Ehemalige-SS-Maenner-verurteilt-article385967.html

Kampfschwimmer: In Tradition einer Wehrmachtseinheit?

Der Autor Dieter Stockfisch lieferte für die aktuelle Ausgabe des Militärmagazins „Strategie und Technik“ einen Artikel über die Kampfschwimmer-Einheiten der Wehrmacht, die er als Vorgänger der Bundeswehr-Kampfschwimmer darstellt. Der Artikel ist ebenso ein Beispiel für eine entkontextualisierte Geschichtsschreibung wie für die kaum gehemmte Bewunderung für Wehrmachts-Einheiten. Der Autor beschreibt ohne auf die Hintergründe (Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg) groß einzugehen, die Geschichte der 1943 aufgestellten Wehrmachts-Kampfschwimmer. Dieser Kleinkampfverband wurde 1943/44 im faschistischen Italien ausgebildet. Stockfisch schreibt zu den Einsätzen der Wehrmachts-Einheit in tümelnder Manier:

Die deutschen Kampfschwimmer führten ihre Einsätze mit haarsträubender Kühnheit und Verwegenheit durch und zahlten mit hohen Verlusten.

(Seite 52)
Ein Dieter Stockfisch wird im Antifa-Infoblatt 42/1998 (Seite 6) aus dem Militärmagazin „Soldat und Technik“ Juni 1996 wie folgt zitiert:
Der Soldat bedürfe der „Sichtbarkeit seiner Geschichte und muß in ihr verwurzelt sein, denn Geschichte begründet Identität und trägt zur Orientierung bei.

Quelle:
* Dieter Stockfisch: Kampfschwimmer der Marine, in: „Strategie und Technik“ Juli 2009, Seite 50-53

„Narvik, Rotterdam, Korinth und das heiße Kreta sind Stätten unserer Siege!“

Während des Zweiten Weltkrieges entstand das Fallschirmjäger-Lied „Hinter den Bergen“ in dessen Refrain es heißt:
„Narvik, Rotterdam, Korinth
Und das heiße Kreta sind
Stätten unserer Siege!
Ja, wir greifen immer an,
Fallschirmjäger gehen ran,
Sind bereit, zu wagen!“
Es beschreibt also durch die Wehrmacht-Fallschirmjäger während der Überfälle auf Nachbarländer eroberte Orte. Die Besetzung dieser Gebiete gingen einher mit Gräueln, auf Kreta beispielsweise starben während der deutschen Besatzungszeit tausende Zivilisten.
Es gibt als mehr als genug Gründe dieses Lied“gut“ aus Wehrmachtszeiten in den Mülleimer der Geschichte zu werfen. Doch dem ist nicht so. Googelt man den Refrain kommt man auf die Homepage dreier Bundeswehr-Organisationen:
* Puma-Kompanie
Reservisenkameradschaft Buchholz
* Reservisten-Kameradschaft Buchholz
Der Fallschirmpionier
* IG Fallschirmpioniere“ bzw. dessen Nachrichtenblatt „Der Fallschirmpionier“. In diesem wird überdies von der Teilnahme der IG an Reenactment-Veranstaltungen zum Zweiten Weltkrieg berichtet (deutsche Besetzung der Niederlande 1940 in Dordrecht, Arnheim 1944 und Hürtgenwald 1944). Offensichtlich haben dabei die Mitglieder der IG auch Wehrmachts-Soldaten gespielt.

Quellen:
* „Der Fallschirmpionier. Nachrichtenblatt für die IG Fallschirmpioniere“ Heft 4 – 2009, Seite 4-6, 7 und 10
* Homepage der Puma-Kompanie
* Homepage der Reservisten-Kameradschaft Buchholz

Fundstück: US-Soldaten gegen „Ragheads“

Googelt man nach dem rassistischen Begriff „Raghead“ (in etwa „Turbanträger“) dann kommt man auch auf die eine oder andere Homepage oder einen Eintrag von US-Soldaten, die beispielsweise unter Hobbys angeben „killing ragheads“. Hier ein Beispiel dafür:

Dieser antiorientalische Rassismus findet sich dann teilweise bei US-Soldaten im Auslandseinsatz, zum Beispiel im Irak. Die Folgen von einer solchen mörderischen Einstellung gegenüber den Bewohnern des besetzten Iraks lassen sich nur erahnen und befürchten. Eine qualitative Aussage, wie viele US-Soldaten diese rassistische Einstellung haben, ist freilich nicht möglich. Jedoch gibt es Anzeichen dafür, dass rassistische einstellungen in der US-army nicht so selten zu finden sind.

Deutsche Militär-Zeitschrift (DMZ) Nr. 70 – Juli August 2009 erschienen

Die Beiträge in dieser Ausgabe der DMZ stammen von einschlägig bekannten Gestalten wie Günther Deschner, Heinz Magenheimer von der Landesverteidigungsakademie in Wien.oder Thorsten Hinz (Redakteur der ultrarechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“).
DMZ Nr. 70
Interviewpartner dieser Ausgabe sind:
* Dr. Dmitry Chmelnizki (* 1953), Mitarbeiter des russischen Geschichtsrevisionisten Viktor Suworow, dessen Präventivschlags-Theorie bezüglich des deutschen Überfalls auf die sowjetunion unter dem Titel „Die Legende vom ´Überfall´“ ein Artikel in der aktuellen DMZ gewidmet ist.
* Prof. Dr. Wolf Oschlies (* 1941), der ansonsten in dem revanchistischen Wochenblatt „Preussisch Allgemeine Zeitung“ (PAZ) und dem „Eurasischen Magazin“ schreibt.

Die Anzeigen in der DMZ stammen diesmal von:
* dem national“revolutionären“ Bublies-Verlag
* dem rechtslastigen Ares-Verlag aus Österreich
* dem extrem rechten Verlag „Pour le Merite“.
* dem Verlag Scherzers (Schwerpunkt: sächsische Ritterkreuzträger)
* dem Militaria-Magazin
* das Waffen-SS-Ehemaligen-Magazin „Der Freiwillige“
* dem deutschnationalen, burschenschaftlichen Organ „Die Aula“ aus Österreich
* der FPÖ-nahen Wochenzeitung „Zur Zeit“

Der Freibund auf den Spuren der HDJ und Wiking-Jugend?

In dem dieses Jahr erschienen Buch »Wer trägt die schwarze Fahne dort…« erwähnt das Autorenduo auch, dass der völkische Freibund auf einem Bundeswehrübungsplatz in Munster wehrsportähnliche Übungen abhielt.

Tatsächlich fand 2004 die Leitstellenschule Nord teilweise auf dem Gelände des Truppenübungsplatzes Munster der Bundeswehr statt. Den Teilnehmern wurde ein Szenario vorgestellt wie es ebenfalls bei Manövern der Bundeswehr üblich ist. „In der Lüneburger Heide war Bürgerkrieg“, schreibt ein Teilnehmer in seinem Bericht für die „na klar!“ über das Szenario, welches den „Leitstellenschülern“ vorgesetzt wurde. So war das gesamte Wochenende streng durchgeplant und mit militärischem Drill ausgeführt.

Quelle:
* Maik Baumgärtner und Jesko Wrede: »Wer trägt die schwarze Fahne dort…«. Völkische und neurechte Gruppen im Fahrwasser der Bündischen Jugend heute, Braunschweig 2009

Strukturelle Homophobie in der US-Army: zum Beispiel Dan Choi

Die US-Armee hat einen Offizier gefeuert, weil dieser im TV öffentlich erklärt hatte, dass er schwul ist. Dan Choi, ein Student auf der Elite-Akademie West Point, der fließend arabisch spricht und erst vor kurzem von einem Einsatz im Irak zurückgekehrt, hatte nur offen gesagt, was in seiner Einheit jeder schon wusste und niemand für ein Problem hielt.
Die „Berechtigung“ Soldaten zu feuern, die sich öffentlich als homosexuell outen geht auf das Gesetz „Don´t Ask Don´t Tell“ zurück, wonach SoldatInnen zwar homosexuell sein, sich aber nicht öffentlich dazu bekennen dürfen. Seit dem Inkrafttreten dieses Gesetzes 1993 unter Bill Clinton wurden etwa 13.000 Soldaten auf seiner Grundlage entlassen.
Theoretisch könnte der Präsident Obama in seiner Rolle als Oberkommandant, dass Gesetz de facto außer Kraft setzen, wenn er nach Paragraph 12305 jeden von der Entlassung bedrohten homosexuellen Soldaten als unverzichtbar für die nationale Sicherheit erklären könnte. Damit wäre die Entlassung gegenstandslos.
Laut Taz hat eine Umfrage der Washington Post 2008 ergeben, dass 75 Prozent der Befragten nichts gegen Schwule und Lesben in der Armee haben. Eine Umfrage unter Militärangehörigen wäre allerdings zu einem anderen Ergebnis gekommen: Nur 26 Prozent sagten, dass Homosexuelle in der Armee willkommen seien.

Quelle:
* Ralf Sotschek: Obama entlässt schwulen Offizier, in: taz vom 14.05.09, http://www.taz.de/1/politik/amerika/artikel/1/obama-entlaesst-schwulen-offizier/

Traditionen des Afghanistan-Einsatzes

Der Autor Stephan Stracke schreibt in der Wochenzeitung „Jungle World“:

In einem »Wegweiser« für den Afghanistan-Einsatz, der in dritter Auflage an junge Bundeswehrsoldaten verteilt wird, kommt ein ehemaliger Kommandosoldat der Wehrmachtssondereinheit »Brandenburger«, Dietrich Witzel, unkommentiert zu Wort. Der »Wegweiser« wird vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt verantwortet und soll der »militärischen Einsatzunterstützung« dienen. Die »Brandenburger« waren eine Sondereinheit der Wehrmacht, die an Sabotage-, Spionage- und Terroraktivitäten in aller Welt beteiligt und für zahlreiche Kriegsverbrechen, besonders im Rahmen der Partisanenbekämpfung, verantwortlich war. Witzel selbst war an Geheimaktionen in Afghanistan und in der Ukraine beteiligt.
Mangels einer seriösen Forschung zu den »Brandenburgern« darf Witzel seit 1990 seine Sicht in militärhistorischen Zeitschriften der Bundeswehr darlegen. In der Europäischen Wehrkunde schwärmte er beispielsweise von der großartigen Zusammensetzung von Hitlers Sondereinheit: »Die erste Voraussetzung war Freiwilligkeit, (…) außerdem eine gewisse, wenn auch gebremste Abenteuerlust, Takt im Umgang mit Fremdvölkern und natürliche körperliche Leistungsfähigkeit.«
Entgangen ist der Bundeswehr offensichtlich, dass sich ihr Autor auch in rechten und rechtsextremen Kreisen bewegt. Witzel ist Mitglied der »Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger« und verfasste bis 2004 Artikel für den Veteranenrundbrief der »Brandenburger«. In dieser Postille bekundeten die »Brandenburger«-Veteranen regelmäßig ihre Verbundenheit mit der Waffen-SS und verurteilten Kriegsverbrechern wie Walter Reder. Zudem gab Witzel 2006 der Deutschen Militärzeitschrift des rechtsextremen Verlegers Dietmar Munier ein Interview und war im Oktober 2008 Ehrengast auf der Geburtstagsfeier des revisionistischen Militärhistorikers Franz Seidler im Haus der rechtsextremen Burschenschaft »Danubia« in München.

Quelle:
* Stephan Stracke: Ehrenbezeugung für Opa, 28. Mai 2009, http://jungle-world.com/artikel/2009/22/35156.html