Archiv für Dezember 2008

Brauner Militärhistoriker feiert 75. Geburtstag

Auf dem Haus der extrem rechten Burschenschaft Danubia in München feierten am 15.November 2008 über 100 geladene Gäste den 75. Geburtstag des Militärhistorikers Franz W. Seidler (* 1933). Seidler ist emeritierter Ordinarius für Neuere Geschichte an der Bundeswehr-Universität München.
Seit 1973 war Seidler an der Bundeswehrhochschule tätig, zuvor war er wissenschaftlicher Direktor der Münchner Heeresoffiziersschule (1969-1972) und Referent im Bundesverteidigungsministerium (1963-1968) gewesen. Als Referent trat Seidler bei allerhand rechten bis extrem rechten Gruppen auf: Bei der „Gesellschaft für freie Publizistik“ (GfP), der „Hamburger Burschenschaft Germania“, bei den „Bogenhauser Gesprächen“ der „Burschenschaft Danubia“, dem „Verein Unser Land“ von Alfred Mechtersheimer, dem FPÖ-nahen „Neuen Klub Salzburg“, beim Verein „Die Deutschen Konservativen“ oder der „Burschenschaft AFV! Rugia Karlsbad“ in Dresden.
Autor ist Seidler u.a. in den „Burschenschaftlichen Blättern“, dem Verbandsorgan der „Deutschen Burschenschaft“. Als Buchautor erschienen seine Bücher im „Pour le Merite“-Verlag, einem Unter-Verlag des rechtsextremen Arndt-Verlag.
Inhaltlich versucht Seidler sich vor allem in einer Apologie der Wehrmacht und ihrer Verbrechen. In einer Dokumentation des „Deutschlandfunks“ wurde ihm 1997 vorgehalten:

„die Hitlersche Ausrottungs- und Eroberungspolitik im Zweiten Weltkrieg nicht nur zu rechtfertigen, sondern sie mit vorwiegend edlen Zügen zu versehen, den Zügen eines fundamentalistischen Antikommunismus“
Ein Interview mit Professor Dr. Franz W. Seidler erscheint diese Woche auch in der neuen Ausgabe der DVU-nahen Nationalzeitung.

Bei der 75. Geburtstagsfeier Seidlers waren laut DMZ-Bericht folgende Personen aus der (extremen) Rechten anwesend: Konrad Löw (Unterstützer der Moon-Sekte, Autor in den rechten Blättern „Sezession“ und „Criticon“ München), Dietmar Munier (Geschäftsführer des rechtsextremen Arndt-Verlages), Herbert Fleissner (rechter Groß-Verleger), Bernd Kallina (Danubia-Mitglied), Dr. Hans Merkel (CSU-Mitglied, Danubia-Unterstützer, DMZ-Interviewpartner), Fred Duswald (Danubia-Mitglied, in den 70er Jahren Führungskader der neonazistischen NDP, Vorstandsmitglied des 1998 aufgelösten „Vereins Dichterstein Offenhausen“), Dietrich Witzel (Ritterkreuzträger, vermutlich als Oberleutnant und Chef des „Fronteinsatzkommandos 200 der Abwehr“ aktiv im Afghanistan beim Aufstacheln der einheim. Bevölkerung), Dr. Klaus Goebel (siehe Artikel weiter unten), Günter Deschner (DMZ- und „Junge Freiheit“-Autor), Oberst a.D. Klaus-Ulrich Hammel (ehemaliger Stabschef der 1. Gebirgsdivision der Bundeswehr, Aktivist für den rechtspopulist. „Bund Freier Bürger“), Hans-Ulrich Kopp (Danubia-Mitglied, Witikobund-Bundesvorstandsmitglied) und Alfred Mechtersheimer (Vorsitzender der extrem rechten „Deutschland-Bewegung“).
Einiger dieser Gestalten tauchen auch als Mitautoren der Festschrift zum Geburtstag Seidlers, Alfred Schickel (Hg.): „Kein Dogma! Kein Verbot! Kein Tabu!“, auf. Erschien en ist die Festschrift natürlich im Munier-Verlag „Pour le Merite“.

Quellen:
* „Deutsche Militärzeitschrift“ (DMZ) – Ausgabe Januar-Februar 2009
* Anton Maegerle: Konspirativer Kongress, in: „Blick nach Rechts“-Ausgabe 05/2005

„Deutsche Militärzeitschrift“ (DMZ) – Ausgabe Januar-Februar

DMZ Jan. Febr. 2009
Die neue DMZ Nr. 67 – Ausgabe Januar-Februar 2009 ist erschienen. In dem extrem rechten Zweimonats-Magazin finden sich wieder mit Anzeigen von:
* dem extrem rechten Magazin „Die Aula“ (Sitz: Graz) aus Österreich, was besonders von deutschnationalen Burschenschaftern gelesen wird.
* der extrem rechten Zeitung „Zur Zeit“ (Sitz: Wien) aus Österreich, die sich auf Kurs mit der rechtspopulistischen FPÖ befindet
* das rechtsextreme Magazin „Der Freiwillige“, das ehemalige Organ der Waffen-SS-Veteranenorganisation HIAG.
* dem Verlag „Pour le Merite“, der zum Arndt-Verlag gehört, mit dem die DMZ eng kooperiert.
* des rechten Österreicher Ares-Verlages.
* dem rechtsextremen Bublies-Verlag.
* Daneben gab es weitere Anzeigen des Magazins „Militaria“ (Verlag Klaus D. Patzwall).

Von dem rechtslastigen Stocker-/Ares-Verlag aus Österreich lag dieser DMZ-Ausgabe ein eigenes Verlagsprospekt bei.

Als Interviewpartner standen der DMZ diesmal zur Verfügung:
* Dr. Klaus Goebel (* 1936), Anwalt des mutmaßlichen Kriegsverbrechers Josef Scheunengraber (90). Scheunengraber steht seit 15. September 2008 in München vor Gericht. Ihm wird vorgeworfen am Massaker von Falzano di Cortona als Führer der 1. Kompanie des Gebirgspionierbatallion 818führend beteiligt gewesen zu sein. Bei dem Massaker am 27. Juni 1944 wurden 14 italienische ZivilistInnen in einer Vergeltungsaktion getötet.
Der Scheunengraber-Anwalt Goebel ist selbst kein unbeschriebenes Blatt. Er soll sich laut „Münchener Abendzeitung“ für die „Hilfsgemeinschaft Freiheit für Rudolf Hess“ habe und war (ist?) Funktionär im Verein „Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte e. V.“, der alte und neue Nazis unterstützt. Das Autoren-Duo Schröm und Röpke schreibt in seinem Buch „Stille Hilfe für braune Kameraden“ (Seite 72) zu Goebel:
„Klaus Goebel war nicht irgendein Anwalt. Ein Vierteljahr zuvor [als Jan. 1990], bei der Mitgliederversammlung der Stillen Hilfe in Rotenburg/Wümme, war Goebel auf Vorschlag des Gesamtvorstandes von der Vereinsvorsitzenden Adelheid Klug ins Kuratorium berufen worden.“
Als Anwalt verteidigte und beriet er NS-Täter (Anton Malloth, Ernst Gollak) und Holocaust-Leugner (David Irving, Bela Ewald Althans, Gerd Honsik, Germar Scheerer). Zudem war er früher Landesvorsitzender der „Deutsch-Südafrikanischen Gesellschaft“ (DSAG), die sich lange für das Apartheitsregime stark machte.
* ein anonymisierter Bundeswehr-Soldat mit dem Pseudonym „Schneider“, der unter der Überschrift „Ein Bundeswehrsoldat packt aus“ ein Interview gibt. „Schneider“ soll Anfang 20 und ein Reserveoffizier-Anwärter sein, der November 2006 bis März 2007 in Afghanistan stationiert gewesen sein soll.
* James Baque (* 1929), ein Geschichtsrevisionist aus Kanada.
* Prof. Franz W. Seidler, ein extrem rechter Militärhistoriker (siehe auch den Artikel „Brauner Militärhistoriker feiert 75. Geburtstag“).
* Imad Alawa, der Hisbollah-Sprecher im Libanon. Die Hisbolla ist eine Iran-nahe schiitische Terror-Organisation, die Israel allzugerne auslöschen würde und ebenso wie die Hamas einen Verschwörungs-Antisemitismus im Stile der „Protokolle der Weisen von Zion“ vertritt.
Ochsenreiter&Hisbollah
Im anschließenden Bericht schreibt der DMZ-Chefredakteur über seine Reise durch den Libanon, eine Art Hisbollah-Tourismus. Jedenfalls traf er Hisbollah-Vertreter und darf die Propaganda der Organisation besichtigen.

Quellen:
* „Deutsche Militärzeitschrift“ (DMZ) – Ausgabe Januar-Februar 2009
* Stephan Stracke: Die stillen Helfer der NS-Kriegsverbrecher, in: „Neues Deutschland“ vom 04.12.08, http://www.neues-deutschland.de/artikel/140053.die-stillen-helfer-der-ns-kriegsverbrecher.html
* Oliver Schröm / Andrea Röpke: Stille Hilfe für braune Kameraden, Berlin 2006, Seite 72-77
* Friedrich C. Burschel: Alles andere als ein Selbstzweck. Der Prozess gegen mutmaßlichen Nazikriegsverbrecher Josef Scheungraber, erschienen in „analyse & kritik“ Nr. 532 vom 17. Oktober 2008
* AIDA München: Chronologie 2001, Eintrag vom 27. April 2001, http://www.aida-archiv.de/index.php?option=com_content&view=article&id=147&Itemid=109

Stauffenberg-Mythos entmystifiziert

Stauffenberg-Gedenkstätte
Demnächst kommt der Film „Valkyrie“ (dt.: Operation Walküre – das Stauffenbergattentat) mit dem Hubbard-Anhänger Tom Cruise in die Kinos.
Die AutorInnen-Gruppe „Never going home“ hat sich aus diesem Anlass kritisch Stauffenberg und mit dem Bild bzw. seiner (Entlastungs-)Funktion auseinandergesetzt. Die gut 30 seitige Broschüre, die auch als PDF abrufbar ist, räumt auf mit dem Mythos Stauffenberg. Bereits am Anfang liest man:

„er und seine Mitverschwörer waren nationalkonservative elitäre Militaristen und Antisemiten“

Später heißt es zusammenfassend:
„Das Bild der Offiziere vom 20. Juli entsprach dabei lange dem Bild des ‚sauberen Offiziers der Wehrmacht‘, der politisch weder informiert noch engagiert gewesen sei. Aber es lässt sich längst belegen, dass diejenigen, die den Kopf Hitlers forderten, selbst Anhänger nationalsozialistischer Ideen waren: Antisemiten, Antibolschewisten und Völkisch-Nationale.“

Diese Erkenntnis, obwohl es jedeR hätte leicht wissen können, ist wichtig. Fungiert doch die Militäropposition um Stauffenberg als eine der zentralen Traditionsquellen für die Bundeswehr.
Zur Funktion der Vereidigung von Soldaten im Berliner Bendler-Block mit Berufung auf Stauffenberg schreiben die AutorInnen:

„Der Trick beim Gelöbnis am 20. Juli besteht also darin, die SoldatInnen auf ihr individuelles
Gewissen, als auch auf unbedingte Opferbereitschaft für das Vaterland zu vereidigen.“

Nicht nur für die, auch die Bundesrepublik beruft sich in ihrer demokratischen Tradition gerne auf den Antidemokraten Stauffenberg. Auch ein Teil der so genannte „Neuen Rechten“ hat Stauffenberg zu ihrem Idol erhoben um sich vom unpopulären Hitlerismus abzugrenzen und trotzdem auf antiemanzipatorisches Gedankengut zu berufen.

Hier noch zwei kritische O-Töne zu dem Stauffenberg-Kreislern:

Die größte Sorge war bis zum Ende, wie man ein Chaos verhindern (die Alliierten sollten »Vernunft« haben und bis zur Wiederherstellung der Ordnung und damit natürlich auch der Widerstandsfähigkeit des deutschen Heeres »stillhalten«) und die Gefahr des Bürgerkriegs bannen könne. Von dem, was im Osten geschah, waren sie alle unterrichtet, aber daß angesichts dieser Ungeheuerlichkeiten ein Bürgerkrieg noch das Beste war, was Deutschland passieren hätte können, davon wäre wohl kaum einer von ihnen zu überzeugen gewesen. Vielleicht wäre dies anders bei der Linken gewesen, wenn man daran auch angesichts der Geschichte der deutschen Sozialdemokraten zweifeln darf.

Hanna Arendt über die Stauffenberg-Leute
(Hanna Arendt: Eichmann in Jerusalem, München 3. Auflage 2006, Seite. 187)

Ein wenig spät, Ihr Herren, die Ihr diesen Erzzerstörer Deutschlands gemacht habt, die Ihr ihm nachliefet, solange alles gut zu gehen schien, die Ihr […] unbedenklich jeden von euch gerade verlangten Treueid schworet, die Ihr euch zu armseligen Mamelucken des mit hunderttausend Morden, mit dem Jammer und dem Fluch der Welt belasteten Verbrechers erniedrigt habt und gestern die Republik verraten habt […] diese unwürdigen Enkel des großen Moltke […] sie verraten jetzt, wo der Bankerott nicht mehr verheimlicht werden kann, die pleite gehende Firma, um sich ein politisches Alibi zu schaffen – sie, die als platteste Machiavellisten noch alles verraten haben, was ihren Machtanspruch belastete.

Friedrich Reck-Malleczewen, Tagebucheintrag kurz bevor er im KZ ermordet wurde
(Nach: Hanna Arendt: Eichmann in Jerusalem, München 3. Auflage 2006, Seite 191)

Quelle:
* nevergoinghome: Fragwürdige Traditionslinien (Broschüre), 26. September 2008, online unter: http://nevergoinghome.blogsport.de/images/FragwrdigeTraditionslinien.pdf

Neualtes Vokabular I

Der Verteidigungsminister Jung sprach in der Zeitung „Die Welt“ vom 25.10.2008
erstmals von „Gefallenen“ in Bezug auf getötete Bundeswehrsoldaten. Fragt sich nur wohin sie „gefallen“ sind. Allgemein ist das Wort ein Euphemismus (Beschönigung) für das meist massenhafte und sinnlose Sterben im Krieg.

NPD heldengedenkt in Estland

NPD-Blog berichtet dass der NPD-Kreisverband Havel-Nuthe

am 16. November 2008 auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Reval-Marienberg (Tallinn-Maarjamäe) in Estland der “gefallenen Soldaten” gedacht, “die im 2. Weltkrieg ihr Leben lassen mußten”.

In Estland liegen viele estnische Waffen-SS-Mitglieder begraben, insgesamt waren über 100.000 Balten Mitglied in der Waffen-SS. Hier werden die Gefallenen und die noch lebenden Mitglieder dieser Einheit als antisowjetische Widerstandskämpfer verklärt und verehrt. Diese Verehrung findet sich bis in die Spitze der Politik. Deswegen fahren Rechtsextremisten zu Gefallenen-Gedenken gerne mal ins Baltikum.
In ihrem Bericht über diese Fahrt berichtet der Kreisverband davon, dass die Teilnehmer im Anschluss vom deutschen Friedhofspfarrer zur offiziellen Gedenkfeier am deutschen Soldatendenkmal eingeladen wurden. Anwesend war auch der Botschafter der BRD in Estland, Julius Bobinger. Neben dem Deutschlandlied (also alle drei Strophen, die Hymne besteht nämlich nur aus einer) soll auch “Ich hatt einen Kameraden” gespielt worden sein.
Im Anschluss lud der deutsche Botschafter die NPD-Delegation noch zu seiner Residenz zum Buffet ein, was die NPDler aber aus Zeitgründen ablehnten.

NPD-Brandeburg heldengedenkt

Quelle:
* NPD-Blog: “Heldengedenken” in Estland, der deutsche Botschafter und eine Einladung, 02.12.08, http://npd-blog.info/?p=2472

3.000 tote russische Soldaten p.a.

Die russische NGO „Soldatenmütter“ schätzt das jedes Jahr 3.000 russische Soldaten zu Tode kommen durch Misshandlung oder Selbstmord.

Quelle:
* Deutschlandfunk-Sendung vom 29.11.2008, 11.33 Uhr