Geschichte eines Nazi-„Heldengedenkens“ und sein Revival

Auf dem Waldfriedhof in Essel in der Lüneburger Heide kam es in Vergangenheit zu einem beständigen Gedenken alter und neuer Nazis, dass Mitte der 1990er einschlief.
In den vergangenen Jahren lebte dieses Gedenken aber wieder auf, sowohl bei Alt- als auch bei Neonazis. „Recherche Nord“ hat dazu einen sehr lesenswerten Beitrag verfasst. Dessen Lektüre wird Interessierten unbedingt empfohlen. Im Folgenden wird der Inhalt dieses Beitrages verkürzt wiedergegeben.

Historischer Hintergrund der so genannten „Heldengedenken“ in Essel war eine für die deutsche Seite militärisch sinnlose Schlacht um den „Aller-Brückenkopf“, der ganz im Sinne von Hitlers Aushalte-Befehlen verteidigt wurde. Dabei kämpften auf deutscher Seite Angehörige einer Marine-Einheit, Panzer-Grenardiere und Mitglieder der Waffen-SS.
Fünf Jahre nach Kriegsende wurde von der Gemeinde ein Soldatenfriedhof errichtet, worauf 114 gefallene Soldaten bestattet sind.
Schnell wurde aus dem Friedhof ein „Wallfahrtsort für Alt- und Neonazis“ („Recherche Nord“).

Der Waffen-SS-Traditions-Verein „Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit der Soldaten der ehemaligen Waffen SS“ (kurz: „HIAG“) konnte bis in die 1970er Jahre problemlos mit Gemeinevertretern, örtlichen Vereinen und dem „Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge“ (VDK) am jährlichen Gedenken teilnehmen (Nach nicht zur Gänze bestätigten Angaben war der HIAG seit 1958 korporatives Mitglied des Volksbundes und erst 1986 wurde die Mitgliedschaft suspendiert.).
Erst das gewalttätige Auftreten von HIAG-Mitgliedern zerstörte diese Gedenk-Harmonie. HIAG-Mitglieder griffen in den 1970ern Pastor Dreier an, weil dieser es „gewagt“ hatte auch NS-Opfer in seiner Rede auf dem Friedhof zu erwähnen. Der Pastor musste von Mitgliedern des örtlichen Schützenvereins geschützt die Veranstaltung fluchtartig verlassen.
Dieses Ereignis führte zur Spaltung des Gedenkens. Es entstanden zwei voneinander abgetrennte Veranstaltungen. Der HIAG durfte aber weiter am Nachmittag des alljährlichen Volkstrauertages sein Gedenken auf dem Friedhof abhalten.

Nach und nach vergrößerte sich das HIAG-Gedenken und „alte Kameraden“ aus der Bundesrepublik und Belgien (flämische Waffen-SS-Mitglieder) stießen hinzu. Ebenso kamen Vertreter der neonazistischen „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ (OdR); Mitglieder des „Bundes der Notgemeinschaft ehemaliger Berufsmäßiger Arbeitsdienstangehöriger und ihrer Hinterbliebenen“ und Bundeswehr-Reservisten dazu. So nahmen an 1983 auch mehrere Mitglieder der „Reservistenkameradschaft Militärsport Buchholz/Aller“ teil.
Diese Benutzung des Friedhofs blieb aber nicht ohne Kritik. Am 13. November 1983 protestierten Aktivisten und Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und der Friedensbewegung mit einem Transparent gegen die HIAG. Abermals wurden HIAG-Leute gewalttätig und griffen die Demonstrierenden an. Übrigens nicht das erste Mal, dass HIAG-Mitglieder GegendemonstrantInnen angreifen.
Darauf hin fanden in den Jahren 1984 und 1985 größere Demonstrationen gegen das braune Treiben in Essel statt. Diese waren erfolgreich weil die HIAG nun wieder verdeckter agierte. Nur noch ein paar Kränze zeigten ein Fortbestehen des HIAG-Gedenkens an. Die erste größere Nutzung des Friedhofs fand in den 1990ern durch die 1995 verbotene Neonazi-Partei FAP statt.
Danach wurde es still um den Friedhof.

Inzwischen wurde die HIAG bundesweit offiziell 1992 aufgelöst. Regional existieren bis heute aber einige HIAG-Zirkel weiterhin, die teilweise über gute Kontakte zu Neonazis verfügen.
Es sollen u.a. noch folgende HIAG-Gruppen bestehen: HIAG Zweibrücken-Contwig, HIAG Rheinhessen, HIAG Westsachsen, HIAG-Ortsverband in Detmold, der HIAG-Kameradenkreis in Enger, HIAG Karlsruhe, HIAG Bruchsal-Bretten, HIAG Stuttgart, HIAG Kempten, HIAG Celle, HIAG-Kameradenkreis Berlin, HIAG Rheinhessen, HIAG München, HAIG Hannover …

Im Jahr 2006 fand sich wieder ein HIAG-Kranz vor Ort und 2007 versuchten über 20 Neonazis in Essel aufzumarschieren, was aber durch die Polizei verhindert wurde.
Dieses Jahr kehrten nicht nur erneut Neonazis zum Friedhof zurück, sondern auch die HIAG.
Nach Berichten marschierten am Volkstrauertag 32 Neonazis auf und in der Woche darauf kam der HIAG zurück nach Essel.
Nach Angaben von „Recherche Nord“ nahmen am HIAG-Gedenken am Totensonntag (23.11.08) „rund 50 Personen, vorwiegend aus Soltau-Fallingbostel, Celle und Hannover“ teil, darunter auch Jüngere. Zurückgelassen wurde dabei ein Kranz der „HIAG Hannover“.
„Recherche Nord“ schreibt zu diesem Revival der HIAG:
„In den vorangegangenen Jahren wurden nur wenig über die Aktivitäten dieser Strukturen bekannt. Öffentlichkeit wurde weitestgehend und wo möglich vermieden. Nach außen traten die Strukturen bislang vor allem durch die Publikation »Der Freiwillige – Monatszeitschrift der Waffen-SS« und eine geringe Anzahl, bekannt gewordener Zusammenkünfte.“

Quellen:
* Recherche Nord: Essel: Neue Wallfahrtsstätte von Neonazis in Essel?, 24.11.2008, http://www.recherche-nord.com/index.php?option=com_content&task=view&id=248&Itemid=74
* HIAG und Kameradschaftszene in Essel, 24.11.2008, http://de.indymedia.org/2008/11/233823.shtml