Archiv für November 2008

Geschichte eines Nazi-„Heldengedenkens“ und sein Revival

Auf dem Waldfriedhof in Essel in der Lüneburger Heide kam es in Vergangenheit zu einem beständigen Gedenken alter und neuer Nazis, dass Mitte der 1990er einschlief.
In den vergangenen Jahren lebte dieses Gedenken aber wieder auf, sowohl bei Alt- als auch bei Neonazis. „Recherche Nord“ hat dazu einen sehr lesenswerten Beitrag verfasst. Dessen Lektüre wird Interessierten unbedingt empfohlen. Im Folgenden wird der Inhalt dieses Beitrages verkürzt wiedergegeben.

Historischer Hintergrund der so genannten „Heldengedenken“ in Essel war eine für die deutsche Seite militärisch sinnlose Schlacht um den „Aller-Brückenkopf“, der ganz im Sinne von Hitlers Aushalte-Befehlen verteidigt wurde. Dabei kämpften auf deutscher Seite Angehörige einer Marine-Einheit, Panzer-Grenardiere und Mitglieder der Waffen-SS.
Fünf Jahre nach Kriegsende wurde von der Gemeinde ein Soldatenfriedhof errichtet, worauf 114 gefallene Soldaten bestattet sind.
Schnell wurde aus dem Friedhof ein „Wallfahrtsort für Alt- und Neonazis“ („Recherche Nord“).

Der Waffen-SS-Traditions-Verein „Hilfsorganisation auf Gegenseitigkeit der Soldaten der ehemaligen Waffen SS“ (kurz: „HIAG“) konnte bis in die 1970er Jahre problemlos mit Gemeinevertretern, örtlichen Vereinen und dem „Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge“ (VDK) am jährlichen Gedenken teilnehmen (Nach nicht zur Gänze bestätigten Angaben war der HIAG seit 1958 korporatives Mitglied des Volksbundes und erst 1986 wurde die Mitgliedschaft suspendiert.).
Erst das gewalttätige Auftreten von HIAG-Mitgliedern zerstörte diese Gedenk-Harmonie. HIAG-Mitglieder griffen in den 1970ern Pastor Dreier an, weil dieser es „gewagt“ hatte auch NS-Opfer in seiner Rede auf dem Friedhof zu erwähnen. Der Pastor musste von Mitgliedern des örtlichen Schützenvereins geschützt die Veranstaltung fluchtartig verlassen.
Dieses Ereignis führte zur Spaltung des Gedenkens. Es entstanden zwei voneinander abgetrennte Veranstaltungen. Der HIAG durfte aber weiter am Nachmittag des alljährlichen Volkstrauertages sein Gedenken auf dem Friedhof abhalten.

Nach und nach vergrößerte sich das HIAG-Gedenken und „alte Kameraden“ aus der Bundesrepublik und Belgien (flämische Waffen-SS-Mitglieder) stießen hinzu. Ebenso kamen Vertreter der neonazistischen „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ (OdR); Mitglieder des „Bundes der Notgemeinschaft ehemaliger Berufsmäßiger Arbeitsdienstangehöriger und ihrer Hinterbliebenen“ und Bundeswehr-Reservisten dazu. So nahmen an 1983 auch mehrere Mitglieder der „Reservistenkameradschaft Militärsport Buchholz/Aller“ teil.
Diese Benutzung des Friedhofs blieb aber nicht ohne Kritik. Am 13. November 1983 protestierten Aktivisten und Mitglieder des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) und der Friedensbewegung mit einem Transparent gegen die HIAG. Abermals wurden HIAG-Leute gewalttätig und griffen die Demonstrierenden an. Übrigens nicht das erste Mal, dass HIAG-Mitglieder GegendemonstrantInnen angreifen.
Darauf hin fanden in den Jahren 1984 und 1985 größere Demonstrationen gegen das braune Treiben in Essel statt. Diese waren erfolgreich weil die HIAG nun wieder verdeckter agierte. Nur noch ein paar Kränze zeigten ein Fortbestehen des HIAG-Gedenkens an. Die erste größere Nutzung des Friedhofs fand in den 1990ern durch die 1995 verbotene Neonazi-Partei FAP statt.
Danach wurde es still um den Friedhof.

Inzwischen wurde die HIAG bundesweit offiziell 1992 aufgelöst. Regional existieren bis heute aber einige HIAG-Zirkel weiterhin, die teilweise über gute Kontakte zu Neonazis verfügen.
Es sollen u.a. noch folgende HIAG-Gruppen bestehen: HIAG Zweibrücken-Contwig, HIAG Rheinhessen, HIAG Westsachsen, HIAG-Ortsverband in Detmold, der HIAG-Kameradenkreis in Enger, HIAG Karlsruhe, HIAG Bruchsal-Bretten, HIAG Stuttgart, HIAG Kempten, HIAG Celle, HIAG-Kameradenkreis Berlin, HIAG Rheinhessen, HIAG München, HAIG Hannover …

Im Jahr 2006 fand sich wieder ein HIAG-Kranz vor Ort und 2007 versuchten über 20 Neonazis in Essel aufzumarschieren, was aber durch die Polizei verhindert wurde.
Dieses Jahr kehrten nicht nur erneut Neonazis zum Friedhof zurück, sondern auch die HIAG.
Nach Berichten marschierten am Volkstrauertag 32 Neonazis auf und in der Woche darauf kam der HIAG zurück nach Essel.
Nach Angaben von „Recherche Nord“ nahmen am HIAG-Gedenken am Totensonntag (23.11.08) „rund 50 Personen, vorwiegend aus Soltau-Fallingbostel, Celle und Hannover“ teil, darunter auch Jüngere. Zurückgelassen wurde dabei ein Kranz der „HIAG Hannover“.
„Recherche Nord“ schreibt zu diesem Revival der HIAG:
„In den vorangegangenen Jahren wurden nur wenig über die Aktivitäten dieser Strukturen bekannt. Öffentlichkeit wurde weitestgehend und wo möglich vermieden. Nach außen traten die Strukturen bislang vor allem durch die Publikation »Der Freiwillige – Monatszeitschrift der Waffen-SS« und eine geringe Anzahl, bekannt gewordener Zusammenkünfte.“

Quellen:
* Recherche Nord: Essel: Neue Wallfahrtsstätte von Neonazis in Essel?, 24.11.2008, http://www.recherche-nord.com/index.php?option=com_content&task=view&id=248&Itemid=74
* HIAG und Kameradschaftszene in Essel, 24.11.2008, http://de.indymedia.org/2008/11/233823.shtml

Schweizer Luftwaffenoffizier ist rechtsextr. Funktionär und Rassist

Schweizer Luftwaffenoffizier ist rechtsextr. Funktionär und Rassist

Mario Friso, das Mitglied der rechtsextremen Kleinstpartei „Partei national orientierter Schweizer“, einer Bruderpartei der NPD, ist durch rassistische Hetze gegen den Bieler Nationalrat Ricardo Lumengo aufgefallen.
Auf der Homepage des „Nationalen Beobachter Berner Oberland“ hatte Friso neben einem Hetzartikel gegen den farbigen Lumengo einen Affe mit Banane abgebildet.
Lumengo wurde am 1. Mai in Langenthal nach einer Rede mit einer Banane beworfen.
Friso ist laut der „Antifa Freiburg“ nicht nur Rechtsrocker, sondern auch Offizier bei der Schweizer Luftwaffen Übermittlungsabteilung 5 (LW Uem Abt 5) und bildet unter Yves Schneider Rekruten bei „Fortbildungsdiensten der Truppe“ aus.

Quellen:
* Fabian von Allmen: Anklage wegen Rassismus?, 14.11.08, http://www.bernerzeitung.ch/region/thun/Anklage-wegen-Rassismus/story/17125818
* Nina Jecker: Ricardo Lumengo als Affe verunglimpft, 13.11.08, http://www.20min.ch/news/bern/story/19941446
* Marius Egger: Bananenwurf: Suche nach «junger, blonder Frau», 05.05.08, http://www.20min.ch/news/bern/story/29888430
* Rassist, Hetzer und Luftwaffenoffizier, 16.11.2008, http://www.autonome-antifa.org/spip.php?page=antifa&id_breve=2008&design=2

Österreich: SSler gedenken in Rechnitz mit

Bei der alljährlichen Gedenkfeier des Österreichischen Kameradschaftsbundes am Grab eines unbekannten Soldaten nahe Rechnitz gedachte auch die SS mit. Unter den abgelegten Kränzen fand sich auch ein Kranz mit der Aufschrift „Seine Ehre hieß Treue“. Eine Abwandlung eines alten SS-Wahlspruches.
Zeugen berichteten der Presse, dass der Kranz von der SS-Veteranenorganisation (Kameradschaft IV, Bezirksgruppe Südburgenland) stammte.
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in Rechnitz von Nationalsozialisten ein Massaker an etwa 200 ungarischen Juden verübt. Das Verbrechen ist bis heute nicht vollständig geklärt.

Quelle:
* Europaticker: Grüne verurteilen Tat und fordern Aufklärung. SS-Sprüche bei Gedenkfeier am Geschriebenstein, 16.11.08, http://www.umweltruf.de/news/111/news0.php3?nummer=19751

„Heldengedenken“ in Berlin mit allerhand Rechten

Beim „Heldengedenken“ auf dem Berliner Garnisionsfriedhof (BBw berichtete) waren wieder einige extreme Rechte vertreten, ebenso Veteranenverbände.
Auf den qualitativ sehr guten Fotos von Björn Kietzmann, eines kritischen Fotografen (http://www.flickr.com/photos/kietzmann/sets/72157609179582178/), lassen sich die Kranzinschriften von DVU, NPD und dem ebenfalls rechtsextremen „Der Stahlhelm – Landesverband Berlin-Brandenburg e.V.“ erkennen. Daneben waren dieses Jahr laut Bildern und Berichten vertreten: Der rechte „Ring Deutscher Soldatenverbände“, ein „Traditionsverband der ehem. 26. Panzer-Div.“ und eine „Kameradschaft ehem. 67er“. Die Teilnehmerzahl soll insgesamt bei 40-50 Anwesenden gelegen haben (2007: 100, 2008: 200) und die der Gegendemonstranten bei 80.
Quelle: Indymedia
Das Foto stammt von Indymedia und ist daher meines Wissens frei verwendbar.

Quellen:
* Fotostrecke von Björn Kietzmann, http://www.flickr.com/photos/kietzmann/sets/72157609179582178/
* Berlin: Gruseln auf dem Garnisonsfriedhof, 16.11.08, http://de.indymedia.org/2008/11/233006.shtml

Namenspatenonkel: General von Lettow-Vorbeck

Lettow-Vorbeck-Biografie
Im Folgenden sollen ein paar Informationen aus dem Buch „Kolonialheld für Kaiser und Führer. General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit“ von Uwe Schulte-Varendorff (Berlin, 2006) wiedergegeben werden. Das Buch beschäftigt sich kritisch mit der Biografie von General Lettow-Vorbeck, der Namensgeber für mehrere Bundeswehr-Kasernen war und gewesen ist. Drei von vier Kasernen(um)benennungen nach Letto-Vorbeck stammen noch aus der Zeit des Nationalsozialismus und das nicht ohne Grund:
* 1938 in Leer/Ostfriesland
* 1938 in Bremen (inzwischen geschlossen, aber nie umbenannt)
* 1939 in Hamburg-Wandsbeck (inzwischen geschlossen, aber nie umbenannt)
* 1962 in Bad Segeberg

Paul Emil von Lettow-Vorbeck (1870-1962) war von Anfang an beseelt vom preußischen Militärgeist. Bereits 1881 trat er in das Kadettenkorps in Potsdam ein und es folgte eine die typische Karriere eines Angehörigen der Kaste des Militär-Adels. Im Jahr 1900 schloss er sich der „1. Ostasiatischen Infanterie-Brigade“ an und beteiligte sich damit am sogenannten Boxer-Feldzug, der Niederschlagung eines antiwestlichen Aufstandes in China. Beim Ausrücken in Bremen hörte er damals höchstselbst die berüchtigte Hunnenrede Kaiser Wilhelms II., in der dieser aufforderte den Chinesen jedes Pardon zu verwehren. In China erlebte er seine „Feuertaufe“ beim Angriff im Januar 1901 auf ein „Boxernest“, ein angeblicher Rebellen-Ort (in Wahrheit oft ein unbeteiligtes Dorf). Unbändiger Ehrgeiz trieb ihn an. Danach tat Lettow-Vorbeck organisatorischen Stabsdienst. Als in der damaligen Kolonie „Deutsch-Südwestafrika“ (heute: Namibia) ein Aufstand aufbrach, in dem sich Einheimische gegen Unterdrückung auflehnten, meldete er sich auch hier freiwillig. Er diente 1904-07 als Adjutant und Stabsoffizier des Kommandanten Trotha, der verantwortlich ist für das Genozid an den Herero und Nama.

Nach einer Zwischenzeit in dem „2. Seebataillon Wilhelmshaven“ der kaiserlichen Marine trat er 1913 wieder der „Kaiserlichen Schutztruppe bei. Deren Kommandeur in „Deutsch-Ostafrika“ (heute: Tansania) und zeitweise auch Kamerun er wurde.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges kam es auch in Afrika zu Kampfhandlungen. Die vorher festgelegten Regelungen in der Kongo-Akte (keine Kämpfe in den Kolonien) wurden von beiden Seiten konsequent missachtet. Lettow-Vorbeck versuchte gleich zu Anfang die strategisch wichtige britische Uganda-Bahn angreifen. Als Portugal 1916 in den Krieg gegen Deutschland eintrat, wendete sich Lettow-Vorbeck mit seinen Truppen auch gegen die, sich im Süden befindliche Kolonie „Portugiesisch-Ostafrika“ (heute: Mocambique). Durch flexibles Ausweichen und einiges taktisches Geschick konnte Lettow-Vorbeck gegen die Übermacht aus britischen, indischen, südafrikanischen, belgischen und portugiesischen Truppen lange aushalten.
Spätestens mit seinem Einfall in die portugiesische Kolonie 1917 wandelte sich der Krieg Lettow-Vorbecks in einen Kleinkrieg. Seinen geplanten Zug von einer Küste zur anderen Küste nach Angola konnte Lettow-Vorbeck nicht beenden. In Nordrhodesien (heute: Sambia) musste er schließlich kapitulieren.
Entgegen der Mär von den treuen Kolonialuntertanen, gab es während des Kampfes in Afrika Aufstände von Einheimischen (Seite 50-54), die wohl die Chance sahen das deutsche Joch abzuschütteln. Unter en Aufständischen war auch das Volk der Massai. Gegen die Massai wurden von Lettow-Vorbeck Strafexpeditionen befohlen, bei denen ganze Dörder niedergebrannt wurden. Ihren Widerstand mochte Lettow-Vorbeck den Massai auch später nicht vergeben, er machte aus ihnen in seinen Memoiren später die „Urjuden“ (Seite 102).
Weitere Opfer des unnötigen Krieges in den Kolonien war die Zivilbevölkerung, die unter einer kriegsverursachten Nahrungsmittelknappheit litt. Der Autor Uwe Schulte-Varendorff konstatiert über die ständigen Beschlagnahmungen und die Taktik der „verbrannten Erde“ (vernichtung aller Nahrungsmittel und Anbauflächen):
„Bei der von Lettow-Vorbeck praktizierten Kriegsführung verwundert es nicht, dass die afrikanische Zivilbevölkerung an letzter Stelle der Nahrungskette stand.“
(Seite 55)
Das rigorose Vorgehen mündete in eine allgemeine Hungersnot, die 300.000 Menschen das Leben kostete (Seite 57).
Stand die einfache Zivilbevölkerung auf der untersten Stufe, so ging es auch den im deutschen Diensten stehenden Askaris nicht immer gut. Ihr Spitzname für ihren Kommandanten Lettow-Vorbeck war „Herr, der unser Leichentuch schneidert.“ Um die Reihen der Askaris wieder aufzufüllen, wurden Zivilisten zwangsrekrutiert. Unter den Neu-Rekrutierten befanden sich auch Minderjährige, also de facto Kindersoldaten, die als „Signalschüler“ (Kundschafter) eingesetzt worden (Seite 60).
Viele Neu-Rekrutierte, im Durchschnitt etwa 20%, flohen und schlossen sich teilweise den Alliierten oder den Aufständischen an. Soviel zum Mythos von den „treuen Askaris“. Wurden die Deserteure wieder eingefangen, so wurden sie oft öffentlich hingerichtet, aber mindestens ausgepeitscht.
Wesentlich schlechter als den Askaris erging es den Trägern in Lettow-Vorbecks Truppe. Diese wurden fast gänzlich zwangsrekrutiert und in Ketten gelegt. Sie starben zu zehntausenden an Erschöpfung, Hunger und Kälte. Insgesamt sollen 100-120.000 umgekommen sein (Seite 59).
Insgesamt, also von Deutschen und Alliierten verursacht, starben bei den Kämpfen in Ostafrika 700.000 Menschen!!!

Trotz seiner Gefangenschaft kehrte Lettow- Vorbeck im März 1919 umjubelt nach Deutschland zurück. Als „im Felde unbesiegt“ diente er der anti-demokratischen Rechten immer das lebende, positive Gegenstück zur „Dolchstoßlegende“. Lettow-Vorbecks Unbesiegtsein, sollte beweisen, dass die Front auch in Europa ohne den „Dolchstoß“ standgehalten, ja gesiegt hätte. Behauptungen, die jeder Militärhistoriker als Legende einstuft.
In der Weimarer Republik behielt von Lettow-Vorbeck von Anfang bis Ende seine deutschvölkische Gesinnung bei. Er sprach schon früh auf Versammlungen der NSDAP, der er bereits vor 1933 positiv gegenüberstand.
Doch nicht nur als Redner wandte er sich gegen die junge Republik. Im Jahr 1920 schloss er sich dem Kapp-Lüttwitz-Putsch an. Mit seinem „Korps Lettow-Vorbeck“, etwa 10.000 Soldaten besetzte er Mecklenburg. Am 15. März erschossen seine Truppe 15 Menschen in Schwerin.
„Geübt“ hatte er zuvor schon in Hamburg während der sogenannten „Sülzeunruhen“ (Juni 1919: Die Sülzeunruhen, auch als Hamburger Sülzeaufstand bekannt, ereigneten sich im späten Juni 1919 in Hamburg. Auslöser war die Annahme der Bevölkerung, dass verfaulte Tierkadaver zu Sülze verarbeitet und verkauft würden.).
In beiden Fällen verhielt sich Lettow-Vorbeck wie ein Militär in besetztem Feindesland.
Das Scheitern des Kapp-Lüttwitz-Putsches hatte für ihn lediglich den Abschied aus dem Armee-Dienst zur Folge.
Als Abgeordneter vertrat er gegen Ende die antidemokratische und antisemitische „Deutschnationale Volkspartei“ (DNVP) im Reichstag.

Im Jahr 1939 wurde von Lettow-Vorbeck von Hitler zum General z.b.V. (zur besonderen Verfügung) ernannt, wobei diese besondere Verfügung vor allem in propagandistischen Tätigkeiten für das Regime.
Entgegen allen Legenden war Afrika aber nur ein Nebenschauplatz, der niemals die Anzahl an Truppen band, die Lettow-Vorbeck für sich beanspruchte (300.000).

Auch zur Bundeswehr stand Lettow-Vorbeck in gutem Verhältnis. Seine Beerdigung erfuhr alle erdenklichen Ehren:
„Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Lettow-Vorbeck in Hamburg, wo er am 9. März verstarb. Die Beisetzung erfolgte am 13. März 1964 in Pronstorf in Schleswig-Holstein.
Die Feierlichkeiten anläßlich seiner Beisetzung werfen ein bezeichnendes Licht auf das Traditionsverständnis der Bundeswehr; man gewährte Lettow-Vorbeck ein Begräbnis mit allen militärischen Ehren. Sechs Stabsoffiziere der Bundeswehr hielten am Sarg die Totenwache, angetreten waren eine Ehrenkompanie des Panzergrenadierregiments aus Neumünster mit Musikkorps und ein Halbzug des Seebataillons aus Borkum. Der Kommandeur des Panzergrenadierregiments, Oberst Schmidt, trug dem Sarg das Ordenskissen mit den zahlreichen Auszeichnungen des Generals voran. Bei der Beisetzung war auch der Befehlshaber im Wehrbereich I, Konteradmiral Rösing, anwesend. Beim Hinablassen des Sarges spielte das Musikkorps »Heil Dir im Siegerkranz«. Auf Veranlassung der Bundesregierung und mit Hilfe der Bundeswehr waren eigens zwei ehemalige Askari der »Schutztruppe« aus Tansania als Staatsgäste eingeflogen worden.
Die Traueransprache hielt der damalige Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel (CDU), der betonte, dass Lettow-Vorbeck »wahrlich im Felde unbesiegt« geblieben sei. Der General habe das »Gesetz der Menschlichkeit, der Sitte und des Rechts eingehalten«, denn »als Grundlage der von ihm ganz persönlich geprägten Kriegsführung galten Kampf und Ritterlichkeit dem Gegner gegenüber«. Hassel sah in Lettow-Vorbeck »eine der großen Gestalten, die das Leitbild beanspruchen dürfen … Vorbild genannt zu werden.«“
(Seite 126 und 127)

Heute wäre es an der Zeit diese nationalistische Identifikationsfigur mit ihrer blutigen Geschichte vom Heldenpodest zu stoßen und Lettow-Vorbecks Name von Kasernen und Straßenschildern zu tilgen.

Das reich bebilderte und nicht zu sehr akademische Buch ist vorbehaltsfrei jedem und jeder interessierten LeserIn zu empfehlen!

Quelle:
* Uwe Schulte-Varendorff: Kolonialheld für Kaiser und Führer. General Lettow-Vorbeck – Mythos und Wirklichkeit, Berlin 2006

NPD-Chef bleibt im Bundeswehrverband

Wie die NPD auf ihrer Homepage verlauten läßt, darf ihr Chef Udo Voigt im
Bundeswehrverband bleiben. Voigt hat bis heute den Rang eines Hauptmannes der Reserve inne und war 1972-84 Soldat und Offizier der Luftwaffe. NPD-Mitglied war er dazu immer parallel, er war bereits 1968 in die braune Partei eingetreten.

Quelle:
* NPD-Blog: NPD-Chef Voigt bleibt weiter im Bundeswehrverband, 04.11.08, http://npd-blog.info/?p=2389

Der Verlag des Geschichtsrevisionisten Gerd Schultze-Rhonhof

Wie das Münchner „Antifaschistische Informations- und Dokumentations-Archiv“ (AIDA) auf seiner Homepage berichtet ist für den 05.11.2008 der Geschichtsrevisionist Gerd Schultze-Rhonhof (* 1939) aus Buxtehude bei Münchner Burschenschaft Cimbria als Referent zum Thema „Das Deutsch-Tschechische Drama 1918-1938“ angekündigt. Übrigens nicht die erste Burschenschaft bei der Schultze-Rhonhof referiert.
Schultze-Rhonhof ist Bundeswehr-Generalmajor a.D. und ehemaliger Territorialer Befehlshaber für Niedersachsen und Bremen. Er trat 1959 in die Bundeswehr ein und lehrte bis 1996 an der „Führungsakademie der Bundeswehr“.
Im Jahr 2003 veröffentlichte Schultze-Rhonhof sein geschichtsrevisionistisches Werk „Der Krieg, der viele Väter hatte“ im Münchener Olzog-Verlag.
Der Krieg, der viele Väter hatte
Zusätzlich betreibt er die Homepage „Vorkriegsgeschichte“ und tritt als Referent und Redner in der extremen Rechten auf, von SS-Veteranen über Burschenschaften bis zu NPD-Nahen Organisationen.
Inlet des Buch von Schultze-Rhonhof
Laut AIDA beurteilte das baden-württembergische Landesamt für Verfassungsschutz im Jahr 2007 eine Aussage von Schultze-Rhonhof („entscheidende Bemühungen der damaligen Reichsregierung, die den Frieden retten wollte und um alles in der Welt einen Krieg zu vermeiden suchte.“) zum Kriegsbeginn 1939 wie folgt:
„Die in dieser Aussage zum Ausdruck kommende, jeden seriösen Forschungsstand ignorierende Behauptung, Hitler-Deutschland habe nicht einmal den Krieg gegen Polen gewollt und sei daher ganz unschuldig am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gewesen, gehört zu den klassischen Konstanten in der verzerrten Realitätswahrnehmung rechtsextremer Geschichtsrevisionisten.“

Selbst der Verfassungsschutz erkennt also einen rechtsextremen Geschichtsrevisionisten. Stellt sich die Frage welcher Verlag einen solchen bei sich beheimaten würde. Wie bereits erwähnt ist Schultze-Rhonhofs Hausverlag der Olzog-Verlag mit Sitz in München. Der Olzog-Verlag ist keineswegs ein genuin rechtsextremer Verlag. Er gilt sogar als renommiert. In ihm werden auch Bücher mit kritischem Inhalt zum Thema Rechtsextremismus („Rechtsextremismus im Internet“ von Rainer Fromm und Barbara Kernbach – 2001, Sammelband „Schwarze Geister, Neue Nazis – Jugendliche im Visier totalitärer Bewegungen“ – 2008) verlegt. Ob die Aufnahme dieser Bücher ins Angebot einem taktischen Kalkül entspringt oder ob eher bei der Herausgabe des Schultze-Rhonhof-Buches finanzielle Motive im Vordergrund standen ist für Außenstehende unersichtlich.
Als nicht genuin rechtsextremer Verlag ist es natürlich einfacher für LeserInnen aus der Mitte der Gesellschaft ohne Scheu und Vorwarnung zu erwerben.
Der Olzog-Verlag weiß aber trotzdem, wo er den rechten Teil seiner Kundschaft ansprechen muß und schaltete daher mehrmals Anzeigen in dem rechtsliberalen Monatsblatt „eigentümlich frei“. Auch verfügt der Olzog-Verlag mit den Autoren Konrad Löw und Stefan Scheil über weitere eindeutig rechte Autoren.

Das Brisante ist, dass der Olzog-Verlag auch mit der „Bundeszentrale für politische Bildung“ (BzpB) zusammenzuarbeiten scheint. Dort jedenfalls kann man das Buch „Die politischen Parteien in Deutschland“, ein inhaltlich nicht zu beanstandentes Standartwerk, aus dem Olzog-Verlag vergünstigt erwerben.

Schultze-Rhonhof und sein Wirken ähneln sehr einem bereits verstorbenen Geschichtsrevisionisten. Der US-Autor David L. Hoggan (1923-1988) veröffentlichte 1961 im rechtsextremen Grabert-Verlag (Sitz: Tübingen) sein Machwerk „Der erzwungene Krieg“ (im Original: „The Forced War“), dass nur in Deutschland verlegt wurde.
Bei beiden Büchern nimmt der Titel den Inhalt vorweg. Beide leugnen die deutsche Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg. Von der Fachwelt und der überregionalen Presse jeweils als unhistorisch abgelehnt und widerlegt erreichten beide Werke doch hohe Auflagen.
* „Der erzwungene Krieg“ erschien kürzlich in der 15. Auflage, wie der Euro-Kurier 10/2008 des Grabert-Verlages stolz vermeldete, und erzielte bis heute über 100.000 verkaufte Exemplare. Zeitweise befand er sich sogar auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.
* „Der Krieg, der viele Väter hatte“ erscheint mittlerweile in der sechsten Auflage erscheint und erzielte bis heute laut einer Werbe-Anzeige im Magazin „eigentümlich frei“ des Olzog-Verlages über 30.000 verkaufte Exemplare.

Hoggan, wie Schultze-Rhonhof tingelten als Referenten durch die extreme Rechte in Deutschland, deren Bedürfnis nach Entschuldung und Relativierung deutscher Geschichte sie damit bedienten. Diese Entschuldung ist die Voraussetzung für die Wiedergeburt eines völkischen und nationalistischen Deutschlands.

Grundsätzlich geht es für die gesellschaftliche Mitte aber auch ohne. Joschka Fischer begründete ja bekanntlich die deutsche Beteiligung am Krieg gegen Jugoslawien nicht trotz, sondern wegen Auschwitz.

Quellen:
* AIDA München: Münchner Burschenschaft lädt Geschichtsrevisionisten ein, 31. Oktober 2008, http://www.aida-archiv.de/index.php?option=com_content&view=article&id=1332%3Amuenchner-burschenschaft-laedt-geschichtsrevisionist-ein
* Recherche Nord: Buxtehude: Nachgeladen: Generalmajor a. D. Schultze-Rhonhof 22.07.2008, http://www.recherche-nord.com/index.php?option=com_content&task=view&id=165&Itemid=74
* Michael Quelle: Gerd Schultze-Rhonhof »1939 – Der Krieg, der viele Väter hatte« Politischen Standort 2005 gehalten: Rechtsaußen, Januar 2006; www.stade.vvn-bda.de/schrh.htm
* Jan Phillip: Der militärische Revisionist, in: Der Rechte Rand Nr. 104 – Jan./Febr. 2007, Seite 17

Ergänzung (09.11.08): Der Olzog-Autor Stefan Scheil
Buch Stefan Scheil
Stefan Scheil (* 1963) gilt als der „Hofhistoriker“ der neurechten Wochenzeitung „Jungen Freiheit“ (JF). Als Autor schreibt er aber auch für die rechtsextreme „Deutsche Geschichte“, die extrem rechte „Deutsche Militärzeitschrift“, die „Konservative Deutschen Zeitung“, aber auch für die FAZ. Als Referent trat er bereits für den rechtsextremen Sudholt-Verlag, die „Staats- und Wirtschaftspolitische Vereinigung“ und das JF-nahe „Institut für Staatspolitik“ auf.
(Anton Maegerle: Politischer und publizistischer Werdegang von Autoren der „Jungen Freiheit“, in: Stephan Braun / Ute Vogt (Hgg.): Die Wochenzeitung „Junge Freiheit“, Wiesbaden 2007, Seite 205-206)

Ein Kommentar zum Kommentar

Unter den noch nicht freigeschalteten Kommentaren auf meinen Blog fand sich vor kurzem auch ein Kommentar von einem Herrn Lars Burks. Da ich seinen Kommentar nicht schnell genug freischaltete, wurde ich in einem zweiten Kommentar als Feigling gescholten.
Dieser Blog ist kein Diskussionsforum (siehe auch „Das Kleingedruckte“, oben). Der Beitrag stellte keine echte inhaltliche Ergänzung dar und wurde daher nicht freigeschaltet. Ebenso waren ihm zahlreiche Schreibfehler sehr abträglich.
Ich werde den Kommentar trotzdem ausschnittsweise sogar auf die Startseite holen und ihn selbst noch einmal kommentieren.

Ich schrieb in dem Artikel „Deutsche Soldaten halfen 1973 beim Angriff auf Israel“:

Viele Ausdrucksformen des DDR-Antizionismus waren auf jeden Fall klar erkennbar antisemitisch. So wurde beispielsweise der Nazijäger Simon Wiesenthal aus Österreich bei der Stasi als „Angehöriger des israelischen Geheimdienstes“ geführt.

Herr Burks schrieb auf meinen Beleg für DDR-Antizionismus:

Simon Wiesenthal war Jude! Richtig?!
Es ist für mich schlecht vorstellbar das Simon Wiesenthal in seiner Aufgabe mit seinem Institut keine Kontakte oder Zusammenarbeit mit dem Israelischen Geheimdiensten hatte! Das würde ich keinesfalls kritisieren, sondern würde es eher als geboten und normal halten!
Aber selbst wenn dem nicht so war, ist die obenstehende Behauptung er währe Agent des israelischen Geheimdienstes nur eine “Behauptung”, schlimmstenfalls eine Verleumdung!
Den Antizionismus der DDR will ich auch nicht bestreiten, aber wo bitte geht aus der oben genannten Formuliereung und Behauptung “Antisemitismus” hervor?

Das die Stasi Herrn Wiesenthal als Angehörigen des israelischen Geheimdienstes führte ist sehr wohl Beleg für den real existierenden Antisemitismus der Stasi. Simon Wiesenthal war österreichischer Staatsangehöriger, der tatsächlich Kontakt zum Mossad hatte, z.B. als er ihm die Adresse Eichmanns mitteilte. Kontakte sind aber noch keine Zugehörigkeit. Einen österr. Juden als israelischen Geheimdienst-Mann einzuordnen zeigt aber, dass die Stasi in diesem Fall das antisemitische Stereotyp der jüdischen Disloyalität pflegte. Juden wurde und wird in diesem Fall vorgeworfen, ihre Loyalität gehöre nicht zuvorderst dem Staat, in dem sie wohnen, sondern der jüdischen Gemeinschaft bzw.ab 1947 dem Staat Israel. Unter solchen Vorwurf fanden die antisemitischen Slansky-Prozesse in Prag (Anklage „zionistische Verschwörung“) oder die öffentliche Erhängung von neun Juden im Iran (Anklage „Mossad-Agenten“) statt. Ein Pendant zu dem Slansky-Prozessen gab es übrigens auch in der DDR:
Das DDR-Politbüromitglied Paul Merker wurde mit Leo Bauer und Bruno Goldmann 1952 als „zionistischer Agent“ „enttarnt“.

Herr Burks schreibt weiter:

Das die DDR mit “Zionismus” als Ideologie und seiner Verkörperung dem Israelischen Staaat mit “kapitalistischem bürgerlichen Parlamentarismus” nicht ideologisch konform ging, lag im ihr einen Weltbild begraben! Da dürfte doch verstehbar sein!

Das der deutsche Staat DDR Israel ablehnte (ebenso die Entschädigungszahlungen an Holocaust-Überlebende) und stattdessen Gruppen unterstützte, die sich die Vernichtung Israels auf die Fahnen geschrieben hatten, ist für mich nicht verständlich.

Bevor sie ihren Protest in Grundschulkind-Schrift und stereotyp-behaftetet Art
formulieren, empfehle ich Ihnen sich erst einmal kundig zu machen.

Wenn Sie, Herr Burks, schreiben: „Simon Wiesenthal war Jude! Richtig?!
Es ist für mich schlecht vorstellbar das Simon Wiesenthal in seiner Aufgabe mit seinem Institut keine Kontakte oder Zusammenarbeit mit dem Israelischen Geheimdiensten hatte!“, und damit Jude-Sein mit israelischer Geheimdienst-Tätigkeit verbinden, scheinen sie ohnehin nicht ganz frei von antisemitischen Tendenzen zu sein.

Österreich: Hitlergruß in Kaserne ohne wirkliche Folgen

Zwei Ex-Rekruten (20, 22) standen wegen eines Hitlergruß vor dem Salzburger Landgericht, der gefilmt und danach auf Youtube gestellt wurde. Die zwei Vorarlberger Soldaten hatten im September 2007 ihr „Abrüstervideo“, also ein Video vom Ende der Dienstzeit, gedreht. Dabei waren sie betrunken gewesen („Haben eine Gaudi gehabt und gesoffen“). Die Anklage lautete auf „nationalsozialistische Wiederbetätigung“.
Doch das Ganze war keinesfalls ein „Alkoholausrutscher“, was immer noch schlimm genug wäre. Die Presse berichtet davon, dass der 20jährige Hauptangeklagte seine rechtsextreme Ideologie im Bundesheer mit Nazi-Tattoos (u.a. Hakenkreuz, den SS-Totenkopf und die Zahl 18 – steht für A.H., also Adolf Hitler) offen zur Schau getragen hätte. Vor Gericht will der Angeklagte die Szene bereits vor einem Jahr verlassen haben. Der 22-jährige Zweitangeklagte ist den Behörden auch einschlägig bekannt gewesen. Er hat bereits eine 7monatige Bewährungsstrafe wegen Nazi-Schmierereien. Auch er will inzwischen aus der Szene raus sein.
Den beiden drohten bei einer Verurteilung, Strafen zwischen einem und zehn Jahre Haft.
Wegen „nationalsozialistischer Wiederbetätigung“ erhielt der 20jährige Hauptangeklagte eine nicht rechtskräftige Zusatzfreiheitsstrafe von neun Monaten auf Bewährung. Der 21-jährige Zweitangeklagte wurde rechtskräftig freigesprochen.
Das Gerichtsurteil hat auch Auswirkungen auf den Ausgang des Disziplinarverfahrens im Bundesheer. Dort droht ihnen noch zusätzlich eine Ersatzgeldstrafe.

Quellen:

* Markus Peherstorfer: Ex-Rekruten wegen Hitlergruß vor Gericht, 30. Oktober 2008, http://derstandard.at/Text/?id=1225358708576
* Video mit „Heil Hitler“: Haftstrafe und Freispruch für zwei Rekruten, 30.10.2008, http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/chronik/1606785/index.do

Alle Jahre wieder: Der Volkstrauertag

Seit 1934, also unter den Nationalsozialisten, firmiert der Volkstrauertag unter dem Titel „Heldengedenktag“ und ist es natürlich bei den Neonazis geblieben.
Ein „Helden“gedenken war es aber teilweise schon vorher gewesen, wie viele Grab- und Ehrenmals-Inschriften zeigen: „Fürs Vaterland fielen“, „Unsere Helden im Weltkriege“, „Die dankbare Gemeinde ihren Helden, die für das Vaterland starben“ usw.
Den
Seit 1950 gibt es nun wieder den Volkstrauertag. Dieser findet immer an einem Wochenende Mitte November statt, dieses Jahr ist es der 15. Und 16. November.
Große Gedenken an diesem Tag stehen meist unter der Regie des mitgliederstarken „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ (VDK), der lange Zeit – teilweise bis heute – intensiv mit Veteranen-Verbänden (Sogar der Waffen-SS-Ehemaligen Organisation HIAG) einerseits und der Bundeswehr andererseits zusammenarbeitete. Vereinzelt kam es in den Reihen des VDK zu rechten Vorkommnissen. Vordergründig aber ist der VDK überparteilich und unpolitisch. Doch liegt hier das Politische im vermeintlich Unpolitischen. Es werden nur selten Kontexte angegeben und Soldaten werden gemeinhin als Opfer des Krieges dargestellt. Was die Soldaten, deren Gräber der VDK in Osteuropa pflegt und hegt, denn überhaupt außerhalb von Deutschland verloren hatten, wird selten gesagt. Zwischen gefallenen Soldaten und ihren Opfern wird kaum ein Unterschied gemacht. Im Grab sind alle vereint.

So werden wie jedes Jahr auch dieses Jahr Weltkriegs-Veteranen, Bundeswehr-Mitglieder, Reservisten und Angehörige ihr kritikloses Gedenken begehen. Manchmal mischen sich auch extreme Rechte darunter. Solche extrem rechts durchmischten Zusammenkünfte sind in Vergangenheit bekannt geworden in:
* Dresden auf dem Heidefriedhof.
* Köln auf dem Lichthof vor „Maria im Kapito“. Hier sollen u.a. Mitglieder „Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger“ teilgenommen haben.
* Berlin auf dem Friedhof am Columbiadamm (ehemaliger Neuer Garnisionsfriedhof).

Daneben organisiert die extreme Rechte aber auch eigene Gedenkfeiern, die offen dem NS-Heldengedenken nacheifern. Solche Neonazi-Heldengedenken finden in jedem Bundesland an meist eher abgelegenen Kriegsgräbern statt. Da diese Gedenken nur für die Szene organisiert werden, sind solche Treffen auch nur in der Szene bekannt.
In den letzten Jahren wurden bekannt, die neonazistische Heldengedenken in:
* Halbe als Erinnerung an die letzte große Kesselschlacht des zweiten Weltkrieges. Die Gedenk-Veranstaltung in Halbe gehörte in den letzten Jahren zu den bundesweit bedeutsamsten Neonazi-Aufmärschen. Im Jahr 2005 nahmen 1.600 Besucher daran teil, in den Jahren danach wurde eine zentrale Veranstaltung immer wieder verboten. Unbemerkt und unangemeldet trafen sich in Halbe aber immer wieder kleinere Gruppen.
* In Hameln am Grab der KZ-Aufseherin Irma Krese.
* In Rheinau-Memprechtshofen am „Ehrenmal Panzergraben“.

Eine Ausnahme von diesen öffentlichkeitsscheuen Treffen bilden zwei Nazi-Heldengedenken in Bayern für die öffentlich geworben wird:
* 15.11.08: Heldengedenken bzw. Demonstration der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“ (JN) in Gräfenberg.
* 15.11.08: Heldengedenken „Freie Nationalisten München“ in München. Eine Demonstration unter dem Motto „Ruhm und Ehre dem deutschen Soldaten!“ .
Ab 13 Uhr wollen die Neonazis ab U-Bahnhof Goetheplatz einen „Trommelmarsch mit Gedenkkranz zum Grab des unbekannten Soldaten“ veranstalten.

Gebirgsjäger-Kritiker unter Beschuss

Dokumentation einer Pressemitteilung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA):

NS-Kriegsverbrecher statt deren Kritiker anklagen

Solidarität mit der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) und ihrem Bundessprecher Ulrich Sander

Die bewegenden Zeugenaussage des einzigen Überlebenden eines NS-Kriegsbrechens an der italienischen Zivilbevölkerung 1944 in Falzano di Cortona vor der Strafkammer des Landgerichts München I am 7. Oktober 2008 war eine Gelegenheit, die verbrecherische Vergangenheit der faschistischen Wehrmacht und ihrer Gebirgstruppe authentisch nacherleben zu können.
Mehr dazu: http://www.stattweb.de/baseportal/NewsDetail&db=News&Id=3852
Vor Gericht steht der Kompaniechef des Gebirgsjägerbataillons, Josef Scheungraber, der für das abscheuliche Verbrechen verantwortlich gemacht wird und dafür bereits im September 2006 vom Militärgerichtshof in La Spezia in Abwesenheit zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Weil Deutsche zur Vollstreckung des italienischen Urteils nicht ohne ihre Zustimmung ausgeliefert werden, läuft der Mörder frei herum. Das Verfahren dauert noch an.
Der Traditionsverband eben jener Gebirgstruppe, in der der NS-Kriegsverbrecher Scheungraber tätig ist, der Kameradenkreis Gebirgstruppe e.V., in dem sich viele der an den Kriegsverbrechen in vielen Ländern Europas beteiligten Soldaten der Wehrmacht vereinigten, fordert von der VVN-BdA, sie solle ihn nicht in Verbindung mit der NS-Wehrmacht und ihren Kriegsverbrechern und Kriegsverbrechen nennen. Konkret ist der Soldatenverband als „(NS-)Gebirgsjäger“ und deren Treffen als „größtes Kriegsverbrechertreffen“ bezeichnet worden. Damit war nicht gemeint, dass alle Vereinsmitglieder der NS-Wehrmacht angehörten und Kriegsverbrecher waren. Über eine Klageschrift des Kameradenkreises, die eine Forderung nach Widerruf enthält, wird am
2. Dezember 2008, 11.00 Uhr
im Landgericht Nürnberg-Fürth verhandelt werden. Der Kameradenkreis Gebirgstruppe e.V. will der VVN-BdA verbieten, auf die schwer belastete Vergangenheit des Kameradenkreises aufmerksam zu machen. Andernfalls drohen 250.000 Euro Geldstrafe bzw. 6 Monate Haft (für den Verantwortlichen Ulrich Sander).
Bezeichnend ist, dass der Kameradenkreis nicht zu klagen wagt, wenn in der Verbandszeitschrift des Bundeswehrverbandes von den „Verbrechen von Führung und Truppe derselben Gebirgsjäger“ die Rede ist („Die Bundeswehr 4/08), wenn in der Süddeutschen Zeitung der e.V. als „Selbsthilfeverein für Kriegsverbrecher“ dargestellt wird und in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an die durch die Gebirgstruppe vorgenommene „Räumung des jüdischen Ghettos als Voraussetzung für die Deportation seiner Bewohner in die Vernichtungslager“ erinnert wird.
Die Klage ist umso alarmierender als besagter Traditionsverband von höchsten Stellen der deutschen Regierung Unterstützung bekommt. Das deutsche Verteidigungsministerium ruft Jahr für Jahr mit zu den Treffen der Gebirgstruppe auf (übrigens im Gegensatz zum österreichischen Verteidigungsministerium, das den Soldaten die Teilnahme in Mittenwald untersagt). Das Verteidigungsministerium ist mit dem CSU-Staatssekretär Christian Schmidt in der Mitgliedschaft der Gebirgstruppe vertreten.
Wir bitten Sie bzw. Ihre Gruppe/Organisation, an die Öffentlichkeit zu gehen und auch das Gericht mit der Forderung bekanntzumachen, die Klage des Kameradenkreises Gebirgstruppe e.V. nach Widerruf der Äußerungen des Repräsentanten der VVN-BdA abzuweisen und die Gerichtskosten dem Kameradenkreis zuzuweisen.
Wir bitten Sie außerdem, die Bundeskanzlerin als höchste Kommandoinstanz über die Bundeswehr aufzufordern, sich endlich vom Kameradenkreis Gebirgstruppe e.V. zu trennen, da er die verbrecherische Tradition der Gebirgstruppe aus der NS-Zeit weiterführt und die Bundeswehrangehörigen zu Kriegseinsätzen aufruft.
Bitte unterstützen Sie uns darin, dass über die Verbrechen der Gebirgstruppe ungehindert berichtet werden darf und die Mörder ihrer gerechten Strafe zugeführt werden, statt diejenigen zu bestrafen, die die Verbrechen beim Namen nennen und sich gegen einen neuen deutschen Militarismus zur Wehr setzen.
Hier die Anschriften:
* Landgericht Nürnberg-Fürth
Fürtherstraße 110, D 90429 Nürnberg Kameradenkreis Gebirgstruppe e.V. ./. Ulrich Sander
Aktenzeichen Az 11 O 5587 / 08
Verhandlung 02.12.2008, 11.00 Uhr
* Bundeskanzlerin
Dr. Angela Merkel
D 11044 Berlin
InternetPost@bundesregierung.de angela.merkel@bundestag.de

Für Ihre Solidarität in der Auseinandersetzung um Gerechtigkeit, Frieden und Förderung freundschaftlicher Beziehungen zwischen den Völkern sind wir Ihnen sehr verbunden und wären Ihnen für eine Benachrichtigung an obige Adresse dankbar.
Ergänzend rufen wir noch in Erinnerung, dass italienische Gerichte über 20 Kriegsverbrecher, die in Italien 1943/44 Massaker an der Zivilbevölkerung angerichtet haben, zu Höchststrafen verurteilt haben. Besonders stark beachtet wurde, dass der Kassationshof in Rom zugunsten der Schadensersatzansprüche von NS-Zwangsarbeitern und Überlebenden aus griechischen und italienischen Opfergemeinden ein Urteil gefällt hat. Diese Urteile wurden in aller Welt begrüßt und als wichtiges Signal aufgenommen. Die VVN-BdA veröffentlichte dazu eine Presseerklärung, in der sie die Bestrafung der deutschen NS-Täter und Entschädigung der NS-Opfer aus Griechenland und Italien verlangte:
http://www.vvn-bda.de/bund/aktuelles.php3?id=95
Die Richter begründen ihre Urteile damit, dass das Immunitätsprinzip nicht bei schweren Verletzungen des Völkerrechts wie Kriegsverbrechen gelten könne und dass diese auch nach über 60 Jahren nicht verjährt seien: http://www.sueddeutsche.de/politik/55/314949/text/
Und auch das könnte für Sie von Interesse sein: Der Rechtsanwalt des Kameradenkreises Gebirgstruppe e.V., Rainer Thesen aus Nürnberg, der den „Kameradenkreis“ in seiner Klage gegen die VVN-BdA vor Gericht vertritt, ist der selbe, der – zusammen mit zwei weiteren Anwälten – den NS-Kriegsverbrecher Josef Scheungraber im Münchener Prozess verteidigt.
Thesen beklagte 2006 in einem Beitrag der Zeitschrift des „Kameradenkreises“ vehement, dass die Wehrmacht heute als weitgehend willfähriges Gewaltinstrument des NS-Unrechtsstaates betrachtet werde, und aus staatsoffizieller Sicht keine Tradition begründen dürfe. Der Reserveoffizier der Bundeswehr aus Nürnberg und eifrige Leserbriefschreiber für die rechtsradikale „Junge Freiheit“ verlangt, die Bundeswehr solle sich in die Tradition der verbrecherischen deutschen Wehrmacht stellen, denn: „Die Wehrmacht ist Teil unserer Geschichte.“ Folgerichtig beklagte er im heutigen Selbstbild der Bundeswehr eine „Verengung“ der Tradition auf „politisch korrekte Taten“, was es in anderen Ländern so nicht gebe.“

Quelle:
* Email-Zuschrift der VVN-BdA, siehe auch: http://www.vvn-bda.de/bund/aktuelles.php3?id=96

Interviewausschnitte zum Thema Juden in der Bundeswehr

Ausschnitte aus einem Interview mit Hauptmann Michael Berger (Historikeroffizier), dem Vorsitzenden des Bundes Jüdischer Soldaten.

Es gab in der Bundeswehr stets eine Gruppe von Offizieren – bis hinein in die Generalität –, die sich immer in der Tradition der Wehrmacht sahen. Zu den bekannten Vertretern dieser Gruppe gehören u.a. der ehemalige Brigadegeneral Reinhard Uhle-Wettler und andere wie der abgesetzte KSK-Kommandeur Reinhard Günzel, der in dieser Seilschaft eigentlich nur ein kleines Licht war. Dennoch war diese Gruppe immerhin so stark, dass sie eine gewisse Schuldumkehr versucht haben – und sie publizieren bis heute in konservativen bis hin zu rechtsextremen Medien. Hier verneinen sie z. B die Singularität der Shoah und fordern ein ungebrochenes Traditionsverständnis zur Wehrmacht. Diese „verwirrten Geister“ haben natürlich ihre Spuren in dieser Armee hinterlassen – das spürt man auch heute noch. Es ist keine Frage, dass jüdische Offiziere in diesem Umfeld als Störfaktoren empfunden werden. Einigen fällt es offenbar leichter, der gefallenen jüdischen Soldaten zu gedenken als die Lebenden zu akzeptieren. Dies wird sich in Einzelfällen sogar negativ auf die Förderung eines jüdischen Soldaten auswirken.
In diesem Zusammenhang gibt es nach meiner Erfahrung auch die Komponente, die wir seinerzeit schon im Kaiserreich hatten, dass gemeint wird, jüdischen Beamten und Soldaten sollten keinerlei Führungsaufgaben erlaubt sein, nach dem Motto: Was den Christen erlaubt ist, ist den Juden noch lange nicht erlaubt. Es gibt eben in der Bundeswehr – wie in der Gesellschaft auch – verschiedene Facetten des Antisemitismus.
Das war auch an folgender Diskussion sehen: als man uns darauf aufmerksam machte, dass das Tragen einer Kippa zur Uniform den Regelungen der Anzugsordnung der Bundeswehr widerspräche und wir daraufhin entgegneten, dass auf entsprechenden Veranstaltungen der Kirchen auch christliche Symbole in Kombination mit der Uniform getragen würden, hieß es doch gleich „Das sei ja wohl etwas ganz anderes….!“ Diese Äußerung war gleich mehrfach von verschiedenen Personen zu hören.

Auf die Frage: „Gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der Bedrohung und Ihrem Engagement im Bund Jüdischer Soldaten?“

Ja, natürlich. Und dann gab und gibt es jene Leute, die mir sagen, dass ich damit hätte rechnen müssen, dass so etwas passiert. Ich muss sagen, dass ich diese Äußerungen eher unüberlegt und unangemessen finde.

Quelle:
* „Das Totengedenken fällt leichter als die Lebenden zu akzeptieren“, das Interview führte Heike Kleffner, http://www.netz-gegen-nazis.com/artikel/das-totengedenken-faellt-leichter-als-die-lebenden-zu-akzeptieren
* „Das Klima wird spürbar schlechter“– Ein Gespräch mit Hauptmann Michael Berger, Vorsitzender des Bundes jüdischer Soldaten, über Antisemitismus in der Bundeswehr und in der Gesellschaft, ZEIT online, Netz gegen Nazis, 28.10.2008, http://www.zeit.de/online/2008/44/antisemitismus-in-der-bundeswehr

Hörtipp: NPD-Chef als Reservist

Klicken und hören:

Militaristisches und revanchistisches Heldengedenken

Anti-Heldengedenken
Wie in den letzten Jahren, so wollen sich auch in diesem Jahr am 16.11. auf dem Garnisions-Friedhof am Columbiadamm 122 in Berlin-Neukölln Rechte (NPD, DVU-Fraktion Brandenburg, DVU-Landesverband Berlin, Burschenschaftler u.a.), Veteranen (HIAG, Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger, Traditionsverband der Schutztruppen – alle drei extrem rechts ausgerichtet –, Wehrmachts-Kameradschaften), militaristische Verbände (Deutscher Marinebund, Bund der Fallschirmjäger, Kyffhäuserbund, Marinekameradschaft Schlachtschiff „Bismarck“), Bundeswehrsoldaten und Andere (Deutsch-Österreichische Gesellschaft) zum „Heldengedenken“ treffen. Veranstalter ist der rechtslastige „Ring Deutscher Soldatenverbände Berlin“.
Auf diesem Friedhof liegen über 6.000 Soldaten begraben und es existiert ein Ensemble aus über 20 Ehrenmälern, Grabplatten und Gedenktafeln. Deren Inschriften sind fast durchweh unkritisch, im Sinne von „Wir starben, auf dass Deutschland lebe, so lasset uns leben in euch!“, so eine konkrete Inschrift auf dem Ehrenmal einer Eliteeinheit des Ersten Weltkriegs.
Columbiadamm 2007
Video-Tipp: Heldengedenken 2007
http://freundeskreis-videoclips.de/2008/Heldengedenken-Columbiadamm.php

Quellen:
* Infos zum „Heldengedenken“ und Gegenaktionen, 12.10.2008, http://de.indymedia.org/2008/10/229300.shtml
* Mal wieder: „Heldengedenken“ am Columbiadamm, 24.10.2008, http://de.indymedia.org/2008/10/230359.shtml