Archiv für Januar 2008

Die Falschbehauptung eines Ex-Generals und Geschichtsrevisionisten

In der aktuellen Online-Ausgabe der „Antifaschistische Nachrichten“ wird eine Behauptung des derzeit populären Geschichtsrevisionisten Generalmajor a. D. Schultze-Rhonhof geanuer unter die Lupe genommen. Die Behauptung nämlich, polnische Juden seien 1933-38 zu hunderttausenden ins benachbarte Deutschland geflüchtet. Das Motiv dieser absurden Behauptung ist schnell klar, denn damit soll widerlegt werden dass es sich beim „Dritten Reich“ um ein radikal antisemitischen Staaten gehandelt hat oder zumindest einen nicht so schlimmen wie der polnische Nachbar. Wie überhaupt Schultze-Rhonhof den totalitären Nazi-Staat als rational und friedliebend versucht darzustellen.
Michael Quelle vom VVN Stade macht sich nun die Mühe und zerrt hervor, was sich hinter der Fußnote verbirgt, auf der diese Behauptung steht. Die Fußnote führt zu dem Autor Benoist-Méchin (1901-1983), der ein französischer Militärschriftsteller war und dessen Werke auch in rechtsextremistischen Verlagen in Deutschland veröffentlicht wurden. Benoist-Méchin war ein Kollaborateur des Nazi-freundlichen Vichy-Regimes und wurde dafür zum Tode verurteilt, später aber begnadigt. Aber auch Benoist-Méchin bezieht sich nur auf eine weitere Fußnote, die zu dem Autor Erich Kern (eigentlicher Erich Johannes Kernmayr bzw. Erich Kern 1906-1991) führt. Dieser wurde auch der „Rosenberg der Hitlerjugend“ genannt und war 1939 Gaupresseamtsleiter in der Gauleitung Wien der NSDAP und später SS-Sturmbannführer. Doch selbst dieser Autor behauptet ohne Quellenangabe nur dass 557.000 Juden 1933-38 Polen verlassen haben, nicht aber dass diese nach Deutschland gegangen wären.

Michael Quelle (VVN-BdA Stade): Es bleibt dann am Ende eine Naziquelle!. Überprüfung einer Behauptung von Generalmajor a. D. Schultze-Rhonhof , in: „Antifaschistische Nachrichten“ Nr. 01/2008, http://www.antifaschistische-nachrichten.de/2008/01/1schultzerhon.shtml

Nachgelesen: Raki am Igman

Erschienen ist „Raki am Igman“, Untertitel: „Texte und Reportagen aus dem Bosnien-Einsatz der Bundeswehr“ im unbekannten Verlag „edition die Lanze“ mit Postfach im Steinheim (Bayern). Am Ende des Buches findet sich die Werbung für zwei CDs mit „Soldaten- und Freiheitsliedern“, zu bestellen unter „Die Schallquelle“, einem Label mit demselben Postfach in Steinheim, dass heute in Kempten (Allgäu) ansässig ist und immer noch als einziges Buch „Raki im Igman“ im Angebot führt. Daneben gibt es Lyrik von dem „Blut-und-Boden“-Schriftsteller Hermann Löns oder Agnes Miegel, die einst Lobhymnen auf Adolf Hitler verfasste, und diverse Musik-CDs, vornehmlich mit bündischer und Volksmusik oder Soldatenliedern. Auf einer der CDs ist die „Deutsche Gildenschaft“ als Urheber benannte. Dabei dürfte es sich um die „Deutsche Hochschulgilde“ (DHG) handeln, eine elitär-völkische Studentenverbindung, der auch der Autor Kubitschek nachweislich angehört. Da dass Buch auf der Homepage mit „Bündische in Bosnien“ beworben wird, dürfte auch der Co-Autor Peter Felser aus diesen bündischen Zusammenhängen stammen. Er ist ebenso wie Hendrik Brödenfeld, von dem die fünf Zeichnungen im Buch stammen, gelegentlicher Autor in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“.
Die Einbindung des Labels „Die Schallquelle“ in die rechte Szene beweist auch beispielsweise deren Werbung in dem „nationalrevolutionären“ Magazin „wir selbst“ 1998 und 1999 (Clemens Heni: Salonfähigkeit der Neue Rechten, Marburg 2007, Seite 437).
Laut einer Meldung des Informationsdienst „Blick nach Rechts“ (BnR) aus dem Jahr 2003 schreibt der Betreiber der „Schallquelle“, Bernd Widmer als Gast in der revanchistischen der „Preußischen Allgemeinen Zeitung“ und war ehemals „Leitstellenführer Süd des Bund Heimattreuer Jugend (BHJ). BnR nennt Kubitschek als zweiten „Schallquelle“-Gründer.

Raki am Igman

Das Buch selbst ist eine Sammlung von recht banalen Erlebnissen der beiden Autoren, die sie auf knapp 150 Seiten in 20 kurze Kapitel unterteilt haben. Trotz der Wiedergabe von unspektakulären Erlebnissen und Anekdoten ist das Buch auch erkennbar politisch.
Dass fängt schon im Vorwort an, in dem der Autor gegen ein, vermeintlich unbedarftes, „westliches Friedensgehirn“ (Seite 6) wettert.
Mit Pathos und nur mäßig spannend erzählt Kubitscheks kaum verhohlenes alter ego im Buch, Oberleutnant Rieboch, von seinen Erlebnissen in Bosnien-Herzegowina, wo er als Teilnehmer an einer UN-Friedenstruppe mehrere Monate verbrachte.
Interessant wird es kurz, als am Rande erwähnt wird, dass im Lager der deutschen Truppen der Text eines „Panzerliedes“ aushängt (S. 90), was noch aus Vor-Bundeswehr-Zeiten her stammt. Laut kurzer Internet-Recherche stammt das Lied aus der Feder eines Oberleutnants, der es am 25. Juni 1933 verfasste . Hier ein kleiner Ausschnitt aus diesem Opus, zum besseren Verständnis:

Für unsres Reiches Heer?
Ja Reiches Heer?
Für Deutschland zu sterben
Ist uns höchste Ehr.

Auch interessant wird es, als das gute Verhältnis von deutschen Mannschaftsangehörigen mit einem, aus Deutschland stammenden, Fremdenlegionär beschrieben wird. Dieser, im Buch „Kleister“ genannt, war in der Bundeswehr Unteroffizier und NPD-Mitglied (dort: Saalordner), in der französischen Fremdenlegion nach der im Buch wiedergegebenen eigenen Aussage an einem Attentat auf den französischen Präsidenten beteiligt und nach eigener Aussage immer noch bekennender Rassist. Das Verhältnis des 1997 34jährigen Hauptgefreiten der Fremdenlegion zu den Bundeswehrangehörigen schien solch eine offenbarte Biografie nicht sonderlich zu stören (S. 91-94).
Nach mehreren Kapiteln vorangestellten Zitaten des Kriegsliebhabers Ernst Jünger (S. 26, 43) berichtete Kubitschek alias Rieboch auch von dem Vorkommnis, dass ihn zeitweilig Rang und Dienst kostete. Kubitschek war 16. August 2001 entlassen worden, wegen dieses Vorkommnis, seiner Autorentätigkeit in der nationalistisch „Jungen Freiheit“ und der Veröffentlichung von „Raki am Igman“. Allerdings wurde Kubitschek nach einer rechten Solidaritäts-Kampagne im April 2002 bereits wieder rehabilitiert. Auch im Buch schildert Kubitschek wie er als Reaktion auf die Nachricht von dem Tod Ernst Jüngers eine, mit fünf Mann schlecht besuchte, Lesung mit Texten aus Jüngers Buch „Stahlgewitter“ veranstaltet (S. 116-123).
Im 18. Kapitel („Wehrmacht“) versucht Kubitschek seine „Kritik“ an der so genannten „Wehrmachtsausstellung“ in einem als Dialog nur spärlich bekleidetem Monolog wiederzugeben (S. 124-134). Partisanenerschießungen werden da als vom Völkerrecht angeblich gedeckt verteidigt, Völkermord wird frei nach Nolte als dem Krieg innewohnende Brutalisierungstendenz relativiert bzw. als Reaktion auf sowjetische Verbrechen dargestellt („Da rollt eine Armee anders weiter als in Frankreich“, S. 129) und unhaltbare Aussagen werden gemacht:
„Was sich dort [in Ostpreußen] an willkürlicher und planmäßiger Vergewaltigung und Verstümmelung abgespielt hta, monatelang, bis nach Berlin hinein, wirst du bei der Wehrmacht nicht finden.“ (S. 131)
Es ist typisch für Rechte alle Verbrechen während der Besatzung in anti-slawischer Manier nur auf die Sowjets zu projezieren und so dass Nazi-Propagandabild von den „bloschewistisch-asiatischen Horden“ zu bedienen.
Alles in allem ein Buch, dass als Produkt eines zweier Bundeswehroffiziere auf Auslandseinsatz durchaus skandalös ist. Auch in Verbindung mit den anderen politischen Aktivitäten Kubitscheks erscheint dessen Entlassung mehr als gerechtfertigt. Sie wurde aber auf Grund einer von Rechtskonservativen bis Rechtsextremen getragenen Unterschriftenkampagne wieder zurückgenommen.

Verwendete Literatur

Götz Kubitschek, Peter Felser: Raki am Igman, Steinheim 1999

Meldungen (über die Schallquelle), Blick nach Rechts – Ausgabe 11/2003

AutorInnenverzeichnis der „Jungen Freiheit“

Die Mörder tragen manchmal auch Uniform

In der Ausgabe der Wochenzeitung „Jungle World“ 30. August 2007 wird in einem Artikel von einem möglichen rechtsextremen Mord mit Beteiligung eines Bundeswehrsoldaten berichtet:

Brinjahe, in der Nacht zum 16. Juli: Nahe dem »Freudenberger Waldfest« finden Besucher einen verletzten 17jährigen. Im Krankenhaus stirbt der Junge an schweren Kopfverletzungen, verursacht durch eine Eisenstange. Die Kieler Polizei beschränkt sich auf den Hinweis, dass der Junge mit einem Soldaten unter Alkohol in Streit geriet und dass der Täter »polizeilich mehrfach in Erscheinung getreten« sei. Die Medien melden den Vorfall ohne politische Verdachtsmomente. Über den politischen Hintergrund der Tat berichtet die Schleswig Holsteiner Antifa-Initiative und erklärt in einer Pressemitteilung, der 17jährige Junge sei für kurze Zeit Mitglied der rechten Szene gewesen, dann ausgestiegen und von seinen ehemaligen Weggefährten auf dem Fest deswegen angegangen worden. Mit dabei sei der Bundeswehrsoldat Sebastian K. gewesen, ein bekannter Rechtsradikaler aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde.

Auch der Mord an einem jungen Antifaschisten in Madrid (Spanien) am 11.11.2007 soll auf das Konto eines rechten 24-jährigen Berufssoldaten gehen. Der Skinhead soll eine Gruppe junger Antifaschisten auf dem Weg zu einer Demonstration in der Metro angegriffen haben.
Der Telepolis-Artikel zu diesem Mord erwähnt auch weitere Übergriffe in die spanische Soldaten verwickelt waren:

Auffällig ist aber auch, dass nicht selten Angehörige der Streitkräfte, der Guardia Civil oder der Polizei in derlei Vorgänge wie in Madrid verwickelt sind. So wurde mit Unterstützung der Guardia Civil die faschistische Falange tatkräftig bei ihrer Vorbereitung auf Gewalt unterstützt. Auch bei einem Angriff auf einen bekannten Schwulen und Mitglied einer Linksorganisation im baskischen Donostia-San Sebastian führte die Spur in eine Kaserne. Vier Soldaten sind angeklagt, ihn auf brutalste Weise auf offener Strasse zusammengeschlagen zu haben.

Aktualitätsgrad: 16.06. bzw.11.11.2007
Quellen:
Andreas Speit: Ob Ost, ob West …, in: „Jungle World“ Nummer 35 vom 30. August 2007, http://www.jungle-world.com/seiten/2007/35/10505.php

Ralf Streck: Neonazi ersticht Antifaschist in Madrid, 12.11.2007
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/26/26597/1.html

Wehrmacht oder Bundeswehr?

In dem Artikel „Von „Auschwitz“ bis „entartet““ vom 19. Dezember 2007 wird am Rande über eine Namensfrage vor 51 Jahren berichtet:
„Wohl kaum jemand dürfte sich noch erinnern, dass 1955/56 als Name für die Armee der jungen Nachkriegsrepublik ernsthaft zunächst an „Wehrmacht“ gedacht wurde, war doch das Vorgängerheer auch in Hitlers Weltkrieg angeblich „sauber“ geblieben.“
In einem älteren Artikel in der Wochenzeitung „Das Parlament“ berichtet die Autorin zu dieser Thematik, dass zur Gründung der Bundeswehr 1956 laut einer Umfrage vom Allensbacher Institut, dass 35% der Befragten für den Namen Wehrmacht für die „neue“ Armee stimmten und nur 25% für die Bezeichnung „Bundeswehr“.
Angesichts des damals wohl noch verbreiteteren Bild von der „sauberen Wehrmacht“ überrascht das Ergebnis nicht und dass der Name auch in Regierungs-und Militärkreisen ernsthaft erwogen wurde überrascht ebenso wenig, da die Bundeswehr in der Anfangszeit fast ausschließlich von ehemaligen Wehrmachts-Angehörigen aufgebaut wurde. Diese Geburtshelfer in Lotenmantel prägen die Bundeswehr bis heute.

Aktualitätsgrad: 1955/56
Quellen:
Gerd Korinthenberg, dpa: Von „Auschwitz“ bis „entartet“. NS-Zeit in der Sprache, 19.12.2007, http://www.n-tv.de/894674.html

Susanne Kailitz: Geburtsstunde der Bundeswehr, in: „Das Parlament“ Nr. 1/2 2006 vom 2./9. Januar 2006, Seite 20